Der letzte Sud
Die Befreiten hatten kaum noch Kraft, als die Gefährten sie am Rand der alten Heerstraße fanden. Es waren sieben Männer und Frauen, abgemagert, mit wundgescheuerten Handgelenken und dem starren Blick von Menschen, die zu lange nicht gewusst hatten, ob sie den nächsten Morgen erleben würden. Die Orks, die sie als Lastenträger mitgeführt hatten, waren tot oder geflohen; doch auch nach dem letzten Pfeil wagten die Gefangenen zunächst nicht, sich zu rühren. Erst als Milo seinen Rucksack öffnete und das letzte Stück Käse in sieben erstaunlich gleiche Teile schnitt, kehrte Leben in ihre Gesichter zurück.
Sie berichteten von einem Arbeitslager weiter südlich, von geschlagenem Holz, geraubten Vorräten und Patrouillen, die noch immer durch die Wälder Valanors zogen. Eine Rückkehr auf die offene Straße wäre für die Befreiten zu gefährlich gewesen. Eine ältere Frau erinnerte sich jedoch an einen Nebenweg, der durch die bewaldeten Hügel nach Westen führte. Dort habe früher eine der berühmtesten Brauereien des Landes gestanden, mit einem großen Gasthaus für Fuhrleute, Händler und Pilger. Seit dem Krieg sei der Ort verlassen. Das Dach sei weithin sichtbar, und im Keller müsse es noch eine Quelle geben.
»Eine Quelle«, sagte Milo.
»Ein Dach«, sagte Ulrik Donnerklaue und blickte zu den Wolken, die sich schwer und grau über den Baumkronen sammelten.
»Eine berühmte Brauerei«, sagte Freddy Freudenreich.
Der Einsame Wanderer sah ihn von der Seite an. »Du hast nur das letzte Wort gehört.«
»Ich habe alle Worte gehört«, erwiderte Freddy. »Aber ich weiß, welches davon Hoffnung bedeutet.«
Sie brachten die Befreiten bis zu einem versteckten Köhlerpfad, von dem aus diese ein Dorf erreichen konnten, das noch nicht unter die Herrschaft der Orks gefallen war. Dann folgten die sechs Gefährten dem alten Brauweg tiefer in die Hügel. Die Straße war längst von Farn und Brombeeren überwuchert, doch breite Spurrinnen im Stein verrieten, dass hier früher schwere Fässerwagen gefahren waren. Verwitterte Grenzsteine trugen das kaum noch erkennbare Zeichen einer Gerstenähre über einem kupfernen Kessel. Je höher der Weg stieg, desto deutlicher roch die Luft nach feuchtem Laub, Pilzen und dem bevorstehenden Regen.
Am späten Nachmittag sahen sie das Dach zwischen den Bäumen. Das Gebäude war größer, als sie erwartet hatten: ein langes, zweistöckiges Gasthaus aus dunklem Fachwerk, dahinter das gemauerte Sudhaus mit einem hohen Schornstein, einem Malzboden unter dem steilen Dach und einem hölzernen Wasserrad am Bach. Selbst im Verfall hatte der Ort etwas Stolzes. Über dem Tor hing ein verblichenes Schild, auf dem ein goldener Krug nur noch zu erahnen war.
Dann traten sie auf den Hof und sahen die Zerstörung.
Die Tür des Gasthauses war nicht aufgebrochen worden. Sie lag zwanzig Schritte entfernt im Gras, mitsamt Rahmen und einem Stück der Wand. An der Nordseite klaffte ein Loch im Mauerwerk, groß genug, dass ein Ochsenkarren hindurchgepasst hätte. Eichenbalken waren gespalten wie dürre Zweige. Auf dem Hof lagen zerdrückte Fässer, und eines war so tief in den Boden getreten worden, dass nur noch der eiserne Reifen aus dem Schlamm ragte. Über dem Loch in der Wand zogen sich vier dunkle Kratzspuren durch den Putz, jede so breit wie Freddys Hand.
Leila Lichtkralle kniete am Rand einer Pfütze nieder. Zwischen den Ballen ihrer schlanken Finger spannte sich eine Spur aus zähem, schwärzlichem Schleim. Sie roch daran, verzog das Gesicht und rieb die Hand im Gras ab. »Trolle.«
»Große Trolle«, sagte Ulrik.
Der Wanderer untersuchte einen Abdruck neben dem Brunnen. Das Wasser hatte seine Ränder bereits ausgewaschen, doch er maß fast drei Fuß von der Ferse bis zu den stumpfen Zehen. »Mehr als einer. Sie kamen aus dem Westen und gingen wieder dorthin zurück.«
Freddy betrachtete das Loch in der Mauer. »Vielleicht mochten sie das Bier nicht.«
Milo hob den zerbrochenen Spund eines Fasses auf. Tiefe Zahnspuren zeichneten sich im Holz ab. »Oder sie mochten es viel zu sehr.«
Sie durchsuchten den Ort, bevor sie sich häuslich einrichteten. Wanderer und Leila gingen außen herum, lautlos und mit aufgelegten Pfeilen. Ulrik prüfte jeden Raum, bevor die anderen ihn betraten. Alfina Schattenblatt legte zwei Finger an verrußte Türstürze und schloss die Augen, doch sie fand keine Spur eines Fluchs oder eines Zaubers. Was hier gewütet hatte, hatte keine Magie gebraucht.
Im Schankraum standen noch lange Tische, einige zerborsten, andere nur von Staub bedeckt. Hinter der Theke reihten sich Tonkrüge in einem Regal, als warte der Wirt noch immer darauf, sie zu füllen. Das Sudhaus war besser erhalten. Zwei gewaltige kupferne Braukessel ruhten auf gemauerten Feuerstellen. Daneben standen der hölzerne Maischbottich, ein breiter Läuterbottich mit einem durchlöcherten Boden und eine Kühlrinne aus Kupfer, die unter der Decke in langen Windungen verlief. Zahnräder, Wellen und lederne Treibriemen verbanden die Schrotmühle, eine Pumpe und den Lastenaufzug mit dem Wasserrad draußen. Rost, Staub und eingetrockneter Schlamm bedeckten alles, doch unter dem Schmutz erkannte Alfina ein erstaunlich durchdachtes Werk.
»Das ist keine Dorfbrauerei«, sagte sie. »Jemand hat diesen Ort für große Mengen gebaut.«
Freddy strich ehrfürchtig über den Rand des größten Kessels. »Dann sollten wir klein anfangen.«
Die Küche lag zwischen Gasthaus und Sudhaus. Dort endete ihre erste Erkundung beinahe schlecht. Der Boden war in der Mitte eingebrochen. Herdsteine, Töpfe und ein massiver Eichentisch waren in den Keller gestürzt und hatten ein schwarzes Loch hinterlassen, aus dem kalte, modrige Luft heraufstieg. Milo beugte sich über den Rand, weil er zwischen den Trümmern etwas glänzen sah.
»Nicht«, sagte Leila.
Zu spät. Das Mauerstück unter Milos Fuß brach weg. Er rutschte mit einem erschrockenen Laut nach vorn, bekam den Rand zu fassen und hing über der Dunkelheit. Ulrik packte ihn am Kragen und hob ihn zurück, gerade als aus dem Keller ein Fiepen und Scharren anschwoll. Dutzende Ratten schossen zwischen den Trümmern hervor. Einige flohen tiefer in den Keller, andere erklommen mit erstaunlicher Geschwindigkeit die geborstenen Balken.
Milo griff nach seiner Schleuder. »Nun ist es persönlich.«
Die nächsten Minuten waren laut, unwürdig und erfolgreich. Leila sprang auf einen Schrank, Ulrik benutzte eine Bank wie einen Besen, und Freddy rettete einen Sack getrockneter Zwiebeln mit größerer Entschlossenheit, als er zuvor für Milo gezeigt hatte. Milo traf mit seiner Schleuder drei Ratten, verfehlte eine vierte und zerschlug dabei einen irdenen Topf. Schließlich verschwanden die Tiere durch Ritzen im Kellergewölbe. Zurück blieben Staub, Scherben und der beleidigte Hobbit.
»Drei«, sagte Milo.
»Zwei«, sagte der Wanderer. »Die dritte fiel vor Schreck vom Balken.«
»Der Schreck war ausgezeichnet gezielt.«
Sie errichteten ihr Lager im Schankraum. Der Regen begann bei Einbruch der Dunkelheit und trommelte auf das Dach. Während Ulrik die herausgerissene Tür mit Balken und einer Tischplatte ersetzte, reinigte Leila die Quelle und Wanderer legte im Wald einen Ring aus kaum sichtbaren Warnzeichen an. Alfina entzündete kleine blaue Lichter in den Nischen des Raumes. Milo kochte eine dünne Zwiebelsuppe, die er mehrfach als »Vorspeise« bezeichnete, obwohl kein Hauptgericht folgte.
Freddy saß lange am kalten Kamin und betrachtete das verblasste Wandbild darüber. Es zeigte die Brauerei in besseren Tagen. Fuhrwerke standen im Hof, Musikanten spielten unter einer Linde, und Männer rollten Fässer aus dem Sudhaus. Am Rand des Bildes war eine Folge kleiner Messingplatten in den Putz eingelassen: eine Gerstenähre, ein Wasserkrug, eine Flamme, ein Mühlstein, ein Rührholz, eine Hopfenblüte, eine gewundene Kühlrinne und ein Fass. Einige Platten waren blanker als andere.
Milo bemerkte seinen Blick. »Das ist keine Verzierung.«
Gemeinsam schoben sie den Ruß beiseite. Hinter einer losen Ofenplatte fanden sie einen eisernen Rahmen, fest in die Wand gemauert. In seiner Mitte saß eine Tür ohne Schloss und Griff. Nur die Messingbilder waren beweglich; jedes ließ sich mit einem dumpfen Klicken eindrücken.
»Ein Wandsafe«, sagte Alfina. Sie fuhr mit dem Finger über die Fugen. »Mechanisch. Keine Magie.«
Freddy lächelte Milo an. »Endlich ein Rätsel, bei dem du der Gelehrte bist.«
Milo stand auf einen Schemel und betrachtete das Wandbild. Über den Brauern verlief ein Spruchband, dessen Farbe fast vollständig abgeblättert war. Nur einzelne Worte ließen sich noch lesen: Aus Korn wird Leben … das Wasser weckt … das Feuer bindet … Bitterkeit bewahrt … Kühle ruft … Zeit vollendet. Unter dem Bild waren Jahreszahlen und kleine Darstellungen aus der Geschichte des Hauses eingeritzt. Eine zeigte einen Brand auf dem Malzboden; eine andere die Einweihung der kupfernen Kühlrinne; eine dritte eine schlechte Ernte, nach der offenbar erstmals wilder Felshopfen verwendet worden war.
Freddy drückte probeweise auf das Fass. Im Inneren des Mauerwerks knirschte etwas, dann sprangen alle Platten wieder heraus.
»Du hast gerade mehrere Jahrhunderte Braukunst beleidigt«, sagte Milo.
»Ich wollte nur sehen, ob die Zeit vielleicht zuerst kommt.«
Milo las das Spruchband noch einmal, ging dann ins Sudhaus und sah sich die Maschinen an. Er nahm eine Handvoll schwarzes Korn aus einer Ritze des Malzbodens, rieb es zwischen den Fingern und roch daran. Danach kehrte er zurück, schob den Schemel genau vor die Platten und begann zu erklären, als halte er einen Vortrag vor besonders langsamen Schülern.
»Die Gerste wird nicht einfach gemahlen. Sie wird erst im Wasser geweckt, bis sie keimt. Dann hält das Feuer das Keimen an und macht Malz daraus. Erst danach kommt die Mühle. Das Malz wird mit warmem Wasser gemaischt, dann wird die Würze abgelassen und mit Hopfen gekocht. Bevor die Hefe hinein darf, muss alles gekühlt werden. Und erst ganz am Ende kommt das Fass und die Zeit.«
Er drückte nacheinander Gerste, Wasser, Flamme, Mühlstein, Rührholz, Hopfenblüte, Kühlrinne und Fass. Beim letzten Zeichen hörten sie, wie tief in der Wand ein Gewicht sank. Die eiserne Tür sprang einen Fingerbreit auf.
Im Safe lagen keine Münzen. Es gab ein versiegeltes Kästchen mit getrockneter Hefe, einen kleinen silbernen Probierbecher und eine lederne Mappe. Darin befand sich ein einzelnes Blatt, dicht beschrieben, die Ränder dunkel vom Alter. Über dem Rezept stand in kräftigen Buchstaben: Der letzte Sud.
Milo las schweigend. Seine Lippen bewegten sich bei den Mengenangaben. Schließlich setzte er sich auf den Schemel.
»Nun?«, fragte Freddy.
»Es ist ein starkes dunkles Bier für das Ende der Brausaison. Geröstetes Malz, Felshopfen, ein wenig Heidehonig. Die Hefe wird zweimal angesetzt. Es war wohl der Stolz des Hauses.« Milo sah zu den verstaubten Kesseln hinüber. »Und wir haben fast alles hier. Malz auf dem trockenen Dachboden. Hopfen in versiegelten Kästen. Honig im Vorratskeller, falls die Ratten nicht lesen konnten.«
»Können wir es brauen?«
Milo strich vorsichtig über das Blatt. »Wenn die Quelle läuft, wenn wir die Kessel dicht bekommen, wenn die Mühle sich dreht und wenn uns niemand vorher frisst.«
Freddy erhob den silbernen Becher. »Ich habe unter schlechteren Bedingungen größere Versprechen gegeben.«
Am nächsten Morgen regnete es nicht mehr. Nebel hing zwischen den Stämmen, und vom Dach tropfte Wasser in den Hof. Die Gefährten beschlossen, einen Tag zu bleiben. Daraus wurden zwei.
Ulrik und der Wanderer räumten die geborstenen Balken aus dem Sudhaus. Leila kletterte auf das Wasserrad, löste verkeilte Äste und ersetzte zwei zerbrochene Schaufeln durch Bretter aus dem Schankraum. Alfina zerlegte die Pumpe, legte die Zahnräder in einer Reihe auf ein Tuch und setzte sie wieder zusammen. Wo ein Bolzen fehlte, formte sie mit leiser Magie einen neuen aus einem Stück Eisen; wo ein Riemen gerissen war, nähte Milo ihn aus mehreren Ledergurten. Freddy trug Wasser, schrubbte Kupfer und sang ein Arbeitslied mit achtzehn Strophen, von denen wenigstens drei denselben Refrain hatten.
Gegen Mittag setzte sich das Wasserrad ruckend in Bewegung. Die Welle ächzte. Ein Zahnrad griff ins nächste, die Pumpe stieß eine braune Fontäne aus, hustete zweimal und begann dann, klares Quellwasser in den oberen Behälter zu heben. Gleichzeitig erwachte der Lastenaufzug über dem Sudhaus. Seine Kette klirrte durch die Rollen, und ein leerer Kornkorb schwebte langsam vom Boden zum Malzboden hinauf.
Freddy stellte sich darunter und sah ihm nach. »Eine Maschine, die Säcke nach oben trägt und Bier nach unten bringt. Das ist Zivilisation.«
»Sie bringt noch kein Bier«, sagte Alfina.
»Jede große Tat beginnt mit einer vernünftigen Richtung.«
Am Nachmittag stiegen sie in den Keller. Ulrik ließ sich zuerst an einem Seil hinab und räumte den Schutt beiseite. Unter der eingebrochenen Küche lagen mehrere Gärbottiche aus Eichenholz. Einer war zerbrochen, zwei waren verschüttet, doch der größte stand unversehrt in einer gewölbten Seitenkammer. Hinter ihm fanden sie den Honig und einen Vorrat an Harz, Lampenöl und trockenem Brennholz. Die Ratten hatten einen Tunnel unter den Fässern angelegt. Milo verschloss ihn mit Steinen und erklärte den Keller für zurückerobert.
Noch am selben Abend setzten sie die Hefe an. Am folgenden Morgen begann das eigentliche Brauen. Das geschrotete Malz fiel aus der Mühle in den Maischbottich, warmes Wasser strömte dazu, und bald erfüllte ein süßer, brotiger Duft das Sudhaus. Milo führte das Rezept. Alfina hielt die Temperatur mit einer Genauigkeit, die sie sonst nur für Zauber verwendete. Freddy rührte mit einem Paddel, das länger war als er selbst, und behauptete, der Geschmack verbessere sich mit jeder gesungenen Strophe. Ulrik spaltete Holz. Der Wanderer prüfte den Waldrand. Leila saß auf einem Balken und ließ die Schwanzspitze im Takt über das Holz schlagen.
Als die Würze im Kupferkessel kochte und Milo den Felshopfen hineingab, wurde der Duft herber. Dampf füllte den Raum und zog durch die geöffnete Dachluke ab. Für einige Stunden schien der Krieg weit entfernt. Es gab nur das Klappern der Mühle, das Rauschen des Baches und Freddys Stimme zwischen den alten Mauern.
Am Nachmittag musste die Würze durch die Kühlrinne in den großen Gärbottich im Keller geleitet werden. Alfina prüfte jedes Rohrstück, bevor Milo den Hahn öffnete. Dunkel und glänzend floss der Sud durch das Kupfer. Die alte Hefe erwachte schneller, als Milo erwartet hatte. Schon am Abend lag ein heller Schaum auf der Oberfläche, und aus dem Keller stieg ein warmer, lebendiger Geruch.
»Trinken?«, fragte Freddy.
»Nein.«
»Kosten?«
»Nein.«
»Aus wissenschaftlicher Verantwortung prüfen?«
Milo reichte ihm einen Löffel Schaum. Freddy probierte, dachte lange nach und nickte ernst. »Es wird Bier.«
»Das stand auch im Rezept.«
»Nun haben wir eine zweite Quelle.«
Für ein Festmahl fehlte Fleisch. Daher erklärten Wanderer und Leila am späten Nachmittag, sie würden jagen. Freddy schlug vor, aus der Jagd einen Wettkampf zu machen. Wer bis Sonnenuntergang die meisten Kaninchen erlegte, sollte das erste Glas des fertigen Bieres erhalten. Milo wandte ein, dass das Bier noch Tage brauchen werde. Freddy erwiderte, wahre Ehre könne warten.
Wanderer und Leila verschwanden in verschiedene Richtungen im Wald. Der Elf kehrte zuerst zurück, lautlos wie immer, drei Kaninchen am Gürtel. Er setzte sich auf den Brunnenrand und begann, seine Pfeile zu prüfen. Leila kam erst, als die Sonne bereits hinter den Hügeln stand. Sie trug zwei Kaninchen.
»Drei zu zwei«, sagte Freddy. »Ein knapper Sieg für den Einsamen Wanderer.«
Leila legte ihre Beute ab. »Ich hatte ein drittes im Schussfeld. Eine Häsin.«
»Und?«, fragte Milo.
»Junge im Bau.«
Der Wanderer nahm eines seiner Kaninchen vom Gürtel und legte es wortlos zu ihren beiden.
Leila sah ihn an. »Das zählt nicht.«
»Drei zu drei.«
»Du hast es erlegt.«
»Du hast deines verschont.«
Freddy hob beide Flügel. »Dann erkläre ich den Wettkampf für unentschieden und mich zum Gewinner. Ich bekomme sechs Kaninchen.«
Diesmal ließ er niemanden an den Herd. Freddys berühmter Kanincheneintopf, erklärte er, dulde weder Eile noch fremde Löffel. Er briet das Fleisch mit Zwiebeln an, gab Wurzelgemüse, Waldkräuter und einen Schöpfer der noch unvergorenen Würze hinzu und ließ alles in einem schweren gusseisernen Kessel schmoren. Milo stand daneben, zuerst skeptisch, dann aufmerksam und schließlich hungrig. Als die Dämmerung auf den Hof sank, zog ein Duft durch das Gasthaus, der sogar Ulrik zweimal in die Küche führte, angeblich um die verbarrikadierte Tür zu prüfen.
Der Eintopf war beinahe fertig, als Freddy innehielt und schnupperte.
»Milo«, sagte er, »ist im Keller etwas umgekippt?«
Milo roch ebenfalls. Unter dem Duft von gebratenem Fleisch und Kräutern lag etwas anderes: fauliges Wasser, altes Leder und ein beißender Hauch, als habe jemand Kohl in einem Grab gekocht. Er lief zur Kellertreppe, hob die Lampe über den Gärbottich und kam wieder herauf.
»Der Sud ist sauber. Vielleicht faules Korn unter dem Läuterboden.«
Sie suchten im Sudhaus. Der Geruch wurde stärker. Freddy öffnete einen kleinen Ablauf, Milo prüfte die Treber, und beide warfen einander ratlose Blicke zu.
»Wenn das aus dem Bier kommt«, sagte Freddy, »haben wir etwas gebraut, das sich selbst verteidigen kann.«
Leila stand plötzlich in der Tür. Ihr Fell lag eng an, die Ohren waren nach hinten gedreht. »Es kommt nicht aus dem Kessel.«
Draußen war es still geworden. Kein Vogel rief. Selbst der Bach schien leiser zu rauschen. Am Rand des Hofes bewegte sich etwas zwischen den Bäumen, groß und gebückt. Dann ein zweites. Ein drittes. Schwere Schritte drückten Wasser aus dem Waldboden.
Der Wanderer erschien auf dem Dachfirst, den Bogen bereits in der Hand. »Fünf«, sagte er. »Vielleicht mehr dahinter.«
Die Sumpftrolle traten ins letzte Licht des Abends. Sie waren höher als Ulrik, aber viel breiter, mit langen Armen, die fast bis zum Boden reichten. Ihre Haut war grau und grün wie von Algen überzogener Stein. Schilf, Knochen und Fetzen verrotteter Kleidung hingen an ihnen. Einer trug den halben Stamm einer jungen Birke als Keule. Ein anderer hatte eine Kette um den Leib geschlungen, an der Tierschädel klapperten. Mit jedem Atemzug quoll gelblicher Dunst aus ihren Mäulern. Wo er über das Gras strich, rollten sich die Blätter zusammen.
Der größte Troll hob die Schnauze. Er roch nicht zum Sudhaus. Er roch zur Küche.
»Fleisch«, grollte er.
Ein zweiter Troll stieß ein kehliges Lachen aus. »Topf.«
Der erste leckte sich über schwarze Zähne. »Unser Topf.«
Ulrik zog Narbenklinge. Das dunkle, von Kerben und feinen Rissen überzogene Eisen wirkte neben den riesigen Trollen beinahe schlicht. »Geht«, sagte er. »Dann lebt ihr.«
Der Troll mit der Birkenkeule schlug gegen die Brust. »Wolf stirbt. Wir essen Topf.«
Freddy sah vom Troll zum Eintopf, dann hinauf zu den Rollen des Lastenaufzugs. Sein Blick folgte der Kette zum großen Zahnrad, weiter zum Wasserkanal und hinunter zu den beiden Kupferkesseln. Er sah die Ablasshähne, den schrägen Treberkanal, die Schienen des Fasswagens und das schwarze Loch im Küchenboden.
»Gebt mir fünf Minuten«, sagte er.
»Sie geben uns keine fünf Minuten«, erwiderte Alfina.
Der erste Pfeil des Wanderers traf den Troll mit der Keule ins Auge. Das Geschoss verschwand bis zu den Federn. Der Troll brüllte, riss es heraus und stürmte über den Hof.
»Dann müssen wir sie kaufen«, sagte Freddy.
Ulrik stellte sich in das Loch der Nordwand. Leila sprang auf die Galerie des Sudhauses, von der sie den Hof und die Küche überblicken konnte. Wanderer wechselte vom Dachfirst auf den Schornstein. Alfina trat unter die offene Dachluke und hob das Gesicht zu den Wolken. Milo griff nach seiner Schleuder.
Freddy packte den Henkel des Eintopfkessels. »Hilf mir.«
Milo sah ihn entsetzt an. »Der ist noch nicht abgeschmeckt.«
»Wenn wir überleben, darfst du salzen.«
Gemeinsam hievten sie den Topf auf den niedrigen Fasswagen. Freddy schob ihn in die Mitte des Sudhauses, genau auf die Schienen, die früher volle Fässer zum Kelleraufzug geführt hatten. Dann zog er die Kette des Lastenaufzugs herab und hakte sie in den Wagen. Mit einem zweiten Seil verband Milo den Henkel des Topfes mit dem Auslösehebel des oberen Wasserbehälters.
»Wenn sie den Topf nehmen, öffnen sie den Schieber«, sagte Freddy. »Das Wasser setzt das Rad voll in Gang. Der Aufzug zieht den Wagen nach hinten.«
Milo blickte auf den schrägen Kanal, durch den sie am Morgen den heißen Treber aus dem Maischbottich geschaufelt hatten. »Und ich öffne den großen Ablass am Kessel.«
»Nicht bevor sie zwischen den Bottichen stehen.«
»Das Spülwasser im Kessel ist fast kochend. Und voll von bitterem Hopfensatz.«
»Deshalb wird es eine überzeugende Einladung, weiterzugehen.«
Alfina kam zu ihnen. »Der Boden der alten Küche trägt kein Trollgewicht. Aber wenn sie einfach einbrechen, können sie überall landen.« Sie legte die Hand auf die verbogenen Kupferrohre der Kühlrinne. Das Metall ächzte und begann sich unter ihren Fingern zu bewegen. Zwei Rohre bogen sich wie langsame Schlangen über die Schienen und bildeten eine niedrige Führung. »Jetzt läuft das Wasser dorthin, wo wir es brauchen.«
Freddy verstand. »Durch das Sudhaus, über die Schienen und in die Küche.«
»Wenn der Boden vorher nicht nachgibt.«
Milo riss Säcke mit nassem Treber auf und verteilte den glitschigen Inhalt beiderseits der Schienen. Freddy schöpfte eine Spur Eintopfbrühe über den Wagenrand und auf die Bretter. Dann schoben sie den Wagen bis dicht vor die Küche. Der Geruch von Fleisch zog wie ein Seil durch das Haus.
Draußen traf Ulrik den ersten Troll mit einem Hieb über die Brust. Narbenklinge schnitt tief, doch schwarzes Blut quoll nur einen Herzschlag lang. Vor Ulriks Augen zogen sich die Ränder der Wunde wieder zusammen. Der Troll schlug mit dem Arm. Ulrik fing den Hieb mit der Schulter ab, wurde gegen den Türrahmen geworfen und riss ein Stück Mauerwerk mit sich.
Leila schoss. Ihr Pfeil traf den Troll in den Hals. Wanderers zweiter Pfeil drang in das unverletzte Auge. Der Troll taumelte, blind und würgend. Schon begann sich graues Fleisch um die Schäfte zu schließen.
»Die Wunden heilen!«, rief Leila.
»Dann machen wir größere«, knurrte Ulrik.
Der Troll mit den Tierschädeln holte tief Luft und spie eine Wolke gelben Dunstes durch die Maueröffnung. Ulrik sprang zur Seite. Der Atem strich über einen Holzbalken, auf dem augenblicklich schwarze Flecken aufblühten. Freddy bekam nur den Rand der Wolke ab, doch seine Augen brannten, und seine Knie wurden weich. In seinem Schnabel lag der Geschmack von faulen Pilzen und Metall.
Milo zog ihn hinter den Maischbottich. »Nicht einatmen.«
Freddy hustete. »Ein Rat, der vor dem Einatmen nützlicher gewesen wäre.«
Ein Krachen erschütterte das Gebäude. Statt durch die verbarrikadierte Tür zu kommen, warf sich einer der Trolle einfach gegen die Außenwand. Beim zweiten Stoß brachen Fachwerk und Lehm nach innen. Der Troll trat durch die Trümmer, schüttelte einen Balken von der Schulter und folgte schnuppernd der Brühespur.
»Topf«, sagte er glücklich.
Freddy kroch zum Steuerseil. »Einer ist drin.«
»Noch nicht«, sagte Milo.
Der zweite Troll riss die Reste der Wand auseinander und drängte hinterher. Der erste erreichte den Wagen, tauchte beide Hände in den Eintopf und stopfte sich Fleisch und Wurzeln ins Maul. Kochende Brühe lief über seine Arme. Die Haut platzte auf, schloss sich aber fast ebenso schnell wieder.
»Jetzt weiß ich wenigstens, dass er heiß genug war«, flüsterte Freddy.
Der zweite Troll packte den Henkel und zog.
Das Seil spannte sich. Im oberen Stockwerk sprang der Schieber des Wasserbehälters auf. Ein ganzer Schwall stürzte in die Rinne zum Wasserrad. Draußen setzte sich das Rad mit einem tiefen Schlag in Bewegung. Die Hauptwelle drehte sich, Zahnräder griffen kreischend ineinander, und die Kette des Aufzugs riss den Fasswagen rückwärts. Der Eintopfkessel entglitt den Händen des Trolls. Er rollte auf den Schienen durch das Sudhaus zur Küche.
Beide Trolle brüllten und folgten.
Milo wartete, bis der zweite zwischen den Kupferbottichen stand. Dann sprang er auf den Ablasshebel. Der Hahn am Braukessel öffnete sich. Heißes Spülwasser und bittere Würzereste schossen in den von Alfina gebogenen Kupferrinnen über den Boden. Der erste Troll wurde an den Beinen getroffen. Dampf hüllte ihn ein. Er rutschte auf dem nassen Treber aus und prallte gegen den zweiten. Der Wagen rollte weiter, immer schneller, der duftende Eintopf knapp vor ihren ausgestreckten Händen.
Am Rand der eingebrochenen Küche löste sich der Sicherungshaken, den Freddy eingekerbt hatte. Der Wagen blieb abrupt stehen. Der Kessel schwang an der Aufzugskette über das Loch, unerreichbar und doch nur eine Armlänge entfernt.
Der erste Troll sprang.
Die losen Bretter unter ihm brachen. Mit einem gewaltigen Krachen stürzte er durch die Kellerdecke. Er schlug nicht auf Stein, sondern mitten in den großen Gärbottich. Dunkles Bier und weißer Schaum schossen bis an das Gewölbe. Für einen Moment sah man nur seine Beine aus dem Bottich ragen. Dann verschwanden auch sie.
Milo gab einen Laut von sich, als habe der Troll ihn persönlich erstochen.
Der zweite Troll blieb am Rand hängen. Eine Hand klammerte sich an einen Balken, die andere griff noch immer nach dem Eintopf. Freddy kappte mit seinem Messer das Seil. Der Kessel schwang zurück und traf den Troll seitlich am Kopf. Der Rest von Freddys berühmtem Eintopf ergoss sich über dessen Gesicht. Der Troll stürzte, fing sich jedoch an einem Rohr und zog sich knurrend wieder hoch.
»Die Falle sollte sie aufhalten«, sagte Alfina.
»Sie hält meinen Eintopf ausgezeichnet auf«, erwiderte Freddy.
Draußen tobte der übrige Kampf. Leila und Wanderer wechselten ihre Ziele, ohne ein Wort zu verlieren. Leila schoss auf Hände und Knie, zwang die Trolle, ihre Angriffe abzubrechen, und hielt sie von den Breschen fern. Der Wanderer zielte auf Augen, Mund und die weichen Stellen unter dem Kiefer. Milo trat auf die Galerie und ließ Steine aus seiner Schleuder peitschen. Sein erster traf einen Troll an der Schläfe. Der zweite zerschmetterte mehrere schwarze Zähne, gerade als das Wesen seinen giftigen Atem ausstoßen wollte. Der Troll verschluckte den Dunst, würgte und schlug blind um sich.
Doch jeder Treffer erkaufte nur Sekunden. Ein Pfeil, den Leila durch ein Knie geschossen hatte, wurde vom nachwachsenden Fleisch herausgedrückt und fiel klappernd zu Boden. Das zertrümmerte Gebiss des anderen Trolls schob sich knirschend neu aus dem Kiefer. Der zuerst geblendete Troll riss Wanderers Pfeile aus den Augenhöhlen. Graue Häute wuchsen über das zerstörte Gewebe, rissen wieder auf und gaben zwei milchige, aber sehende Augen frei.
»Sie werden schneller«, rief Alfina. »Je länger wir kämpfen, desto mehr gewöhnen sie sich an die Verletzungen.«
Der Troll am Küchenloch zog sich vollends nach oben. Verbrühte Haut hing ihm in Fetzen vom Leib und wuchs zugleich darunter neu. Er packte die Kupferrinne und riss sie aus der Verankerung. Das Rohr traf Freddy an der Seite und schleuderte ihn gegen den Maischbottich. Der Troll hob die Rinne wie eine Keule.
Ulrik kam durch den Dampf. Blut lief ihm aus einer Wunde an der Stirn, und sein Fell war vom giftigen Atem versengt. Er stellte sich zwischen Freddy und den Troll. Narbenklinge traf das Kupferrohr, glitt daran entlang und schnitt zwei Finger von der Hand des Trolls. Die Finger fielen auf den Boden, zuckten und begannen, sich wie bleiche Würmer zurück zur Hand zu krümmen.
Ulrik trat sie in die heiße Würze. Dann ging er unter dem nächsten Schlag hindurch. Narbenklinge fuhr von unten durch den Hals des Trolls. Einen Augenblick blieb der gewaltige Kopf auf den Schultern sitzen. Dann kippte er nach hinten und fiel zwischen die Schienen.
Der Körper stand noch.
Schwarze Sehnen wuchsen aus dem Halsstumpf. Der Kopf öffnete die Augen. Seine Zähne schlugen aufeinander, während der Leib tastend einen Schritt darauf zumachte.
»Feuer!«, rief Alfina. »Sofort!«
Milo warf eine Öllampe. Sie zerschellte auf der Brust des enthaupteten Trolls. Freddy, noch halb benommen, schoss einen Pfeil durch die Flamme des Brauofens. Die brennende Spitze traf das Öl. Feuer raste über den Körper, fraß sich in die offenen Wunden und ließ die wachsenden Sehnen schwarz werden. Der Leib taumelte gegen den Maischbottich und brach zusammen. Ulrik stieß auch den Kopf in die Flammen.
Das Brüllen der anderen Trolle änderte sich. Zum ersten Mal lag darin nicht Wut, sondern Furcht.
Über dem Dach rollte Donner. Erste Regentropfen klatschten durch die offene Dachluke auf die Kupferrohre.
Alfina stand im Regen, der nun durch die offene Dachluke fiel. Ihr Haar hob sich, als wehe ein Wind, den sonst niemand spürte. Sie streckte beide Arme zum Himmel. Ein bläuliches Licht lief über die kupferne Kühlrinne, über die Rohre und die nassen Schienen. Leila und Wanderer sprangen im selben Augenblick von ihren erhöhten Stellungen auf die trockenen Querbalken.
»Vom Boden weg!«, rief Alfina.
Der Blitz schlug in den kupfernen Wetterhahn auf dem Dach. Weißes Feuer fuhr durch das Gebäude. Es raste an den Rohren entlang, sprang über das heiße Wasser und erfasste die beiden Trolle im Sudhaus. Ihre Körper krümmten sich. Dampf und der Gestank verbrannten Sumpfes füllten den Raum. Einer wurde gegen die Wand geschleudert. Der andere blieb rauchend auf den Knien liegen.
Der Troll, dem Milo die Zähne zerschmettert hatte, riss sich aus den leitenden Wasserrinnen los und wandte sich zur Flucht. Wanderer schoss ihm einen Pfeil in die Achillessehne, Leila fast gleichzeitig einen zweiten in die Rückseite des Knies. Das Wesen fiel, riss beide Pfeile heraus und kroch weiter. Seine Beine heilten bereits. Ulrik wollte ihm folgen, doch ein dumpfer Schlag aus dem Keller hielt ihn zurück.
Der Gärbottich zerbarst.
Eine Welle aus Bier, Schaum und Holzsplittern schoss durch das Gewölbe. Der hineingestürzte Troll richtete sich aus den Trümmern auf. Seine Haut war vom heißen Sud gerötet, seine Haare klebten voller Hefe, und in einer Hand hielt er den zerbrochenen Rand der Kufe. Er hatte lange genug im gärenden Bier gelegen, um zu ertrinken. Nun atmete er wieder.
»Nein«, sagte Milo. Es war kein erschrockener Ausruf. Es war ein Urteil.
Der Troll brach durch die Reste der Kellerdecke nach oben. Stein und Holz flogen in die Küche. Er stieg aus dem Loch, triefend von dem Bier, an dem sie zwei Tage gearbeitet hatten, und öffnete das Maul.
Freddy sah Milo an. »Dein Sud.«
Milo legte einen Stein in seine Schleuder. »Unser Sud.«
Der Stein traf den Troll mitten auf die Nase. Leilas Pfeil folgte in das linke Auge, Wanderers Pfeil in das rechte. Blind schlug das Wesen um sich. Ulrik rammte ihm die Schulter in den Leib und trieb es rückwärts in das Sudhaus. Alfina war zu erschöpft für einen zweiten Blitz, doch sie hob beide Hände und zog die Flammen des Brauofens über den Boden. Das Feuer fand das Lampenöl, das ausgelaufene Harz und die trockenen Treberreste. Eine brennende Linie schloss sich um den Troll.
Freddy sprang auf die Plattform am großen Kessel. Über ihm hing noch der Kornkorb des Lastenaufzugs, gefüllt mit trockenem Brennholz, das Ulrik am Morgen hinaufgezogen hatte. Freddy schlug mit dem Messer auf die Halteleine. Einmal. Zweimal. Beim dritten Hieb riss sie.
Der Korb stürzte herab und begrub den Troll unter Holzscheiten. Milo schleuderte seine letzte Öllampe hinein. Die Flammen schlugen bis zur Galerie empor.
Der Troll versuchte aufzustehen. Seine Haut heilte und verbrannte zugleich. Neue Finger wuchsen aus verkohlten Händen und zerfielen zu Asche, bevor sie den Boden erreichten. Er brüllte, bis der Rauch ihm die Stimme nahm. Schließlich sank er in das Feuer zurück.
Auch der vom Blitz getroffene Troll an der Wand regte sich wieder. Erst zuckte nur eine Hand. Dann hob sich sein Brustkorb. Leila bemerkte es. Sie sprang herab, rollte ein Fass Lampenöl über den Boden und trat es mit beiden Füßen gegen den Körper. Wanderer schoss den Spund heraus. Öl ergoss sich über den Troll. Freddy warf eine Fackel.
Der fünfte Troll erreichte den Waldrand. Seine Beine waren bereits wieder stark genug, um ihn zu tragen. Er blickte einmal zurück, sah die brennenden Leiber seiner Gefährten und verschwand zwischen den Bäumen.
Niemand folgte ihm. Noch nicht.
Sie verbrachten den Rest der Nacht damit, die Brauerei zu retten und die Trolle zu verbrennen. Der Regen half ihnen, das Feuer von den Wänden und dem Dach fernzuhalten. Er half nicht gegen die Trollleiber. Immer wieder bewegte sich etwas unter der schwarzen Haut. Ein Arm krümmte sich, ein Brustkorb hob sich, ein abgetrennter Fuß grub die Zehen in den Schlamm. Sie schichteten Holz nach, gossen Öl darüber und warteten, bis von jedem Troll nur verkohlte Knochen und graue Asche übrig waren.
Von Freddys Kanincheneintopf blieb ein einzelnes Stück Möhre an einem Deckenbalken.
Vom letzten Sud blieb weniger.
Milo stand lange vor dem zerbrochenen Gärbottich. Bier floss in dünnen dunklen Rinnsalen zwischen den Steinen hindurch. Der würzige Duft von Malz und Hopfen vermischte sich mit Rauch, nassem Holz und dem Gestank verbrannter Trolle. Freddy stellte sich neben ihn.
»Das Rezept haben wir noch«, sagte er.
Milo nickte, ohne aufzusehen.
»Die Quelle läuft.«
Milo nickte wieder.
»Und der Kessel ist nicht explodiert.«
»Du bist schlecht im Trösten.«
»Ich wollte noch erwähnen, dass der Troll den Sud offenbar vollständig ausgekostet hat.«
Milo sah ihn an. Für einen Moment blieb sein Gesicht ernst. Dann musste er lachen, obwohl er es nicht wollte. Bald lachte auch Freddy. Es war kein fröhliches Lachen, eher das erschöpfte Geräusch zweier Freunde, die noch lebten und nicht wussten, was sie sonst tun sollten.
Kurz vor Tagesanbruch fanden sie im Schankraum Schlaf. Ulrik saß an der notdürftig verschlossenen Bresche, Narbenklinge über den Knien. Leila schlief zusammengerollt auf einer Bank. Der Wanderer blieb am Fenster, bis der Himmel grau wurde. Alfina hatte den Kopf auf ihre Arme gelegt, neben Zahnrädern, Werkzeug und einer halb verbrannten Seite ihrer Notizen. Milo schlief mit der ledernen Rezeptmappe unter dem Hemd.
Am Morgen war die Welt still und klar. Nebel lag tief über dem Bach, und Rauch stieg aus den schwarzen Brandstellen im Hof. Die Gefährten aßen kalte Zwiebeln und das letzte Brot. Niemand erwähnte Kaninchen.
Wanderer und Leila untersuchten die Spuren. Der geflohene Troll hatte eine breite Fährte aus schwarzem Blut, Schlamm und abgerissenen Farnen hinterlassen. Schon nach wenigen hundert Schritten wurde das Blut weniger. Die Regeneration arbeitete weiter. Doch die Fährte führte nicht allein in den Westen. Unter ihr lagen ältere Abdrücke: große und kleine, manche frisch, manche vom Regen ausgewaschen. Dutzende Wege liefen zwischen den Bäumen zusammen.
Leila strich über eine gebrochene Schilfschnur, die an einem Ast hing. Kleine Tierknochen waren hineingeflochten. »Sie leben dort nicht nur«, sagte sie. »Sie tragen Beute dorthin.«
Der Wanderer blickte in den Wald. »Ein Lager. Oder ein Versteck.«
»Wie viele?«, fragte Freddy.
»Mehr als fünf.«
Ulrik schob Narbenklinge in die Scheide. »Dann kommen sie wieder.«
Milo sah zurück zur Brauerei. Durch das Loch in der Wand fiel Morgenlicht auf die Kupferkessel. Das Wasserrad drehte sich langsam weiter, als habe es von der Nacht nichts bemerkt. »Nicht, wenn wir zuerst zu ihnen gehen.«
Sie löschten die letzten Glutnester, bargen das Meisterrezept und verschlossen den Wandsafe wieder. Freddy nahm den silbernen Probierbecher an sich, nicht als Beute, wie er sagte, sondern als Versprechen. Irgendwann würden sie zurückkehren. Dann würde in den alten Kesseln erneut der letzte Sud kochen, und diesmal würde kein Troll ihn trinken.
Als die Sonne über die Hügel stieg, verließen die Gefährten den Hof. Leila und der Wanderer gingen voraus und lasen die Spur im nassen Laub. Ulrik folgte dicht hinter ihnen. Alfina stützte sich auf ihren Stab, Milo trug das Rezept am Herzen, und Freddy ging zuletzt. Am Waldrand blieb er stehen und blickte noch einmal auf das verwundete Gasthaus zurück.
Dann hörte er aus der Ferne einen dumpfen Laut.
Es mochte Donner sein. Doch der Himmel war klar.
Ein zweiter Ruf antwortete aus den westlichen Wäldern, tiefer als der erste. Danach ein dritter.
Freddy legte einen Pfeil auf die Sehne.
»Nun«, sagte er, »wenigstens wissen wir schon, was sie zum Abendessen wollten.«
Gemeinsam folgten sie den Trollspuren unter die dunklen Bäume.
◆