Über die Brücke des Todes
Nachdem Freddy Freudenreich und seine Gefährten den hinterhältigen Angriff von Agamemnox’ neunundneunzig Assassinen auf das Gasthaus Zum Goldenen Greif niedergeschmettert hatten – ein Gefecht, dessen Echo noch tagelang durch die Gassen von Valanor hallte – wussten sie, dass sie keine Sekunde verlieren durften. Denn der Schatten des Dämonenfürsten Satmoth der Seelenbrecher lag immer noch über ihnen… und wurde mit jedem Schritt, den sie machten, dichter und schwerer.
Während sie die gefallenen Assassinen durchsuchten, fand der Einsame Wanderer im Mantelfutter Agamemnox’ eine kleine, metallene Kapsel – versiegelt mit Runen, die so alt waren wie die Zeit selbst. Freddy öffnete die Nachricht, und das Pergament war in einer Schrift verfasst, die selbst geschulte Magier zur Verzweiflung gebracht hätte.
Doch Freddy, Erpel von königlichem Geblüt, Meister der verschlüsselten Lieder und Runenpoesie, ließ sich nicht beirren. Er strich mit seinem gefiederten Daumen über die Linien, und es war, als sähen die Gefährten einen uralten Mechanismus in seinem Verstand einrasten. „Ein zweites Drachenartefakt…“ murmelte Freddy schließlich. Die Gefährten hielten kollektiv den Atem an. Ein Artefakt, das selbst Satmoth nicht in seine Pläne einkalkuliert hatte! Ein Artefakt, das stark genug sein könnte, seine unheiligen Rituale zu durchkreuzen!
Der Fund gab ihnen neue Hoffnung – aber auch neue Furcht.
Denn laut Nachricht lag das Artefakt tief in den überfluteten Zwergenminen von Bothild’s Folly, einem Ort, der in Liedern nur flüsternd erwähnt wird. Ein Reich aus schwarzem Stein, giftigem Nebel und Kreaturen, die das Sonnenlicht seit Jahrtausenden nicht mehr gesehen hatten.
Doch Freddy und seine Gefährten – die scharlachrote Leibwache des Erpels, Milo der Hobbit-Händler, Alfina Shadowleaf die Magierin, der Einsame Wanderer – kannten keine Furcht.
Nicht heute.
Sie warteten nicht einmal bis zum Morgengrauen. Noch in derselben Nacht packten sie Waffen, Proviant, Seile und Fackeln und zogen los – entschlossen, Satmoth keinen einzigen Herzschlag Vorsprung zu lassen.
Um Tage an Reisezeit zu sparen, nahmen sie die Abkürzung durch den Finsterwald – einen Wald, in dem selbst das Licht zögerlich zwischen den knorrigen Ästen erschien. Seit Jahrhunderten war kein Händler, kein Karawanenführer, kein mutiger Abenteurer lebend aus diesem Wald zurückgekehrt. Die Stämme erzählten von Geisterwölfen, wandelnden Schatten und Bäumen, die atmen konnten.
Doch Freddy marschierte mutig voran, sein Schnabel glänzend im Fackelschein.
Mehrere Tage lang kämpften sie sich durch wurzelbewachsene Pfade, vorbei an unheimlichen Ruinen und Schatten, die flüsterten… immer flüsterten. Doch an einem windstillen Vormittag erreichten sie ein tiefes Tal, dessen Wände wie dunkle Messer in den Himmel ragten.
Dort stand sie:
Die Uralte Steinbrücke von Khar-Grimm, die eine gewaltige Schlucht überspannte. Unter ihr tobte ein Wildwasserbach, der nach Legende von den Tränen eines gebrochenen Berggottes gespeist wurde. Rund um die Brücke lagen Schädel, Knochen, zerbrochene Wagenräder und Pfeilspitzen.
Die Gefährten wussten sofort: Die Brücke wurde von einem Troll bewacht. Einem gewaltigen, uralten, mörderschnellen Brückentroll.
Kaum rollten die ersten Wagen der scharlachroten Leibwache auf die Brücke, bebte der Boden – und am anderen Ende erhob sich ein Troll, so groß wie ein Steingigant. Seine Beine waren dick wie alte Eichen, seine Arme wie lebendige Rammböcke. Jeder seiner Schritte ließ die Brücke erzittern.
Der Einsame Wanderer griff instinktiv zur Klinge.
Alfina bereitete einen Zauber vor.
Milo duckte sich hinter einen Karren.
Doch Freddy trat nach vorn, sein Federfell aufrecht, sein Blick hell und furchtlos.
„Was fordert ihr als Brückenzoll?“ rief Freddy, seine Stimme klar wie ein Königshorn.
Der Troll kratzte sich am behaarten Kinn, und seine Stimme donnerte wie einstürzende Felsen: „Die Hälfte eurer Waren! Und alle Ochsen! Oder ich schleudere euch in die Tiefe und fresse eure Knochen!“ Sein böses Lachen hallte daraufhin durch die Klamm.
Die Gefährten wussten: Geben sie ihre Vorräte ab, würden sie in den Minen von Bothild’s Folly womöglich verhungerns. Kämpfen sie hier, würden sie auf der schmalen Brücke gnadenlos in die Tiefe gestoßen werden.
Doch Freddy, Meister der Geschichten, Hüter des Lichts, Erztrinker von drei Königreichen, dachte blitzschnell.
Er rief: „Milo! Bring mir das Fässchen Weinbrand aus Brunsheim! Den guten!“
Milo starrte ihn an, als sei Freddy wahnsinnig geworden.
Aber er gehorchte.
Und Freddy ließ mitten auf der Brücke einen kleinen Tisch aus zwei Fässern und einem Brett errichten.
Der Troll witterte eine Falle – aber als Milo das Fass öffnete und der Duft des legendären Weinbrands entwich, veränderte sich seine Haltung.
Wie jeder weiß: Trolle lieben starke Spirituosen mehr als Blut, Gold oder Fleisch.
Freddy füllte zwei Bierkrüge randvoll – eine Menge Alkohol, die selbst einen Kriegsgolem zum Einsturz bringen konnte.
Er reichte dem Troll einen Krug und rief: „Auf dieses exzellente Geschäft!“
Dann setzte er an – und trank den ganzen Krug in einem einzigen, triumphierenden Zug leer.
Der Troll war beeindruckt… und töricht.
Er tat es Freddy gleich.
Doch er konnte nicht wissen, dass Freddy durch ein halbes Leben voller exzessiver Feste an den Höfen der Welt fast vollständig immun gegen Alkohol geworden war.
Der Troll jedoch…
Er schwankte.
Seine Augen wurden trüb.
Er griff nach der Brüstung.
Freddy lächelte.
„Noch einen Schluck?“
Der Troll brüllte vor Wut, begriff die Falle – und holte mit seiner Pranke aus, um Freddy von der Brücke zu schleudern.
Freddy duckte sich nicht.
Stattdessen sprang er – direkt auf den Arm des Trolls. Er rannte den massiven Arm hinauf wie über eine schmale Gasse, schwungvoll, agil, beinahe tänzerisch. Auf der Schulter setzte er zum Sprung in das verfilzte Trollhaar an, schwang sich am Schopf entlang zur anderen Schulter – ein Wirbel aus Federn und Akrobatik.
Der Troll wurde panisch.
Er taumelte.
Seine Knie knickten ein.
Dann fiel er.
Wie eine stürzende Monolithensäule krachte er in die Tiefe – brüllend, wankend –, bis das Tosen des Flusses sein Schicksal besiegelte.
Freddy sprang im allerletzten Moment ab und klammerte sich an den Rand der Brücke.
Der Einsame Wanderer packte seine Hand und zog ihn hoch.
Freddy schnaufte.
Schließlich lachte er: „Vielleicht sollte ich wirklich weniger Trinkspiele machen.“
Die scharlachrote Leibwache jubelte.
Sie überquerten die Brücke ohne Verlust – als Sieger. Auf der anderen Seite fanden sie die Höhle des Trolls: Überfüllt mit Gold, Silber, Juwelen, alten Waffen aus vergessenen Kriegen und sogar einem zerbrochenen königlichen Banner aus vergangenen Zeitaltern.
Sie schlugen ihr Lager auf, entzündeten ein gewaltiges Feuer und feierten bis tief in die Nacht: den Sieg über den Brückentroll, den Triumph von Mut über rohe Gewalt, und die Hoffnung auf das Drachenartefakt, das irgendwo in den Minen auf sie wartete.
Doch das nächste – gefährlicher, dunkler, gewaltiger – wartete in den Tiefen von Bothild’s Folly.