Die Hallen von Bothild’s Folly — Band 1, Kapitel 7

Die Hallen von Bothild’s Folly

Nachdem Freddy Freudenreich und seine Gefährten den Brückentroll des Finsterwaldes besiegt hatten, zogen sie unbeirrt weiter – ihrem Ziel entgegen: den überfluteten Zwergenminen von Bothild’s Folly, in deren Tiefen das zweite Drachenartefakt verborgen sein sollte. Der Weg wurde steiler, die Wälder dichter, und eine unheimliche, kühle Bergluft wehte ihnen entgegen, als wollten die Berge selbst vor dem warnen, was auf sie wartete.

Doch nichts konnte Freddy und seine Gefährten aufhalten.

Nach nur wenigen Tagen erreichten sie den uralten, halb zugewachsenen Handelsweg der Zwerge – eine Straße aus makellos behauenen Steinplatten, die sich wie eine gerade Linie durch das Gebirge zog. Am Ende dieser Straße ragte eine Felswand auf, so hoch, dass sich die Wolken daran brachen. Und darin eingelassen war ein Tor, riesig wie das Maul eines vergessenen Gottes.

Das Tor von Bothilds Folly

Der Einsame Wanderer pirschte voraus, so lautlos wie ein Schatten. Mit geschärften Sinnen bemerkte er schmale Pfeilschlitze, kaum sichtbar im Fels verborgen. In den dunklen Gängen dahinter glaubte er Bewegungen zu erkennen – kaum hörbare Schritte, Atemzüge, leises Knistern.

Als er zurückkehrte, sprach er düster: „Wir sind nicht allein.“

Da beschlossen die Helden, keinen Sturmangriff zu wagen. Das Tor war zu gut befestigt, die scharlachrote Leibgarde des Erpels wären ein zu einfaches Ziel für vermeintliche Bogenschützen.

Stattdessen setzten sie auf die Kunst der Heimlichkeit.

Als die Nacht über die Berge fiel, schlichen Freddy, Milo und der Einsame Wanderer geduckt durch das Gestrüpp. Sie bewegten sich wie Jäger im Schatten, gedämpft von Moos und kühler Nachtluft, bis sie direkt vor dem gigantischen Steintor standen.

Doch das Tor war verschlossen – eine Wand aus unbezwingbarem Gestein. In den letzten Strahlen des verschwindenden Sonnenlichts jedoch erkannten sie über dem Tor das alte Zwergenwappen von Bothild: Apfel und Axt, die Symbole des Clans – Fruchtbarkeit und Macht.

Apfel und Axt

Darüber war eine Inschrift in uralten Zwergenrunen.

Freddy trat vor, legte seine Hand auf die kalte Wand und entzifferte ruhig die eingemeißelten Worte: „Ehre – Reichtum – Mutter“

Dann sprach er sie in fließendem Altzwergisch aus.

Ein sanftes goldenes Leuchten erblühte in den Runen. Ein Donnern vibrierte im Stein. Und langsam, würdevoll, nahezu majestätisch schwang das Tor ohne jedes Geräusch auf.

Die Helden blickten sich an – und traten ein.

Die Runen erwachen

Die Hallen der alten Zwergenstadt waren gewaltig. Pfeiler aus schwarzem Granit stiegen in die Höhe wie die Stämme gigantischer Bäume. Silberadern glommen im Fels und warfen ein kaltes, geisterhaftes Licht.

Doch es war unheimlich still. Zu still.

Die Helden schlichen vorsichtig weiter, ihre Schritte federleicht. Als sie plötzlich die Sternenhalle von Bothild’s Domäne erreichten, erstarrten sie. Vor einer monumentalen Statue eines Zwergengottes wartete ein Empfangskommando. Eine Reihe von vermeintlichen Zwergen, mit Helmen und langen Mänteln, stand im Halbkreis bereit.

Ein Zwerg mit besonders hohem Helm und piepsiger Stimme rief: „Seid gegrüßt, Gäste in Bothild’s Domäne. Nach den alten Gesetzen müsst ihr nun all eure Waffen ablegen.“

Doch etwas stimmte nicht.

Der Einsame Wanderer flüsterte: „Im Schatten der Säulen bewegen sich weitere Gestalten… und ich rieche Wölfe.“

Milo kniff die Augen zusammen. „Und die ‚Zwerge‘ wirken… dünn. Wo sind ihre echten Bärte? Diese Fetzen im Gesicht? Das sind doch nur… Lappen!“

Das falsche Empfangskomitee

Freddy sah sofort klar.

„Seht euch die Statue an“, murmelte er. „Das ist nicht der Zwergengott Brothmir. Das ist Habrakus – der Goblingott – in seiner siebten Reinkarnation.“

Freddy rückte näher, seine Stimme kaum hörbar:„Im dritten Buch der Chroniken von Tiefland steht, dass sich Habrakus einst als Zwergenkönig Eisenfaust verkleidete, um ein ganzes Reich zu täuschen. Diese Szene wurde unzählige Male bildlich dargestellt.“

Er atmete tief ein. „Das hier ist eine Falle. Tut so, als würdet ihr gehorchen – aber seid bereit.“

Langsam legten sie ihre Waffen ab. Der Einsame Wanderer drehte sich leicht zum Ausgang und stieß den heiseren Ruf einer Tunneleuleaus – ein Tier, das oft in Zwergenminen lebt. Doch es war mehr als ein Tierlaut: Es war das geheime Zeichen.

Denn Alfina hatte zuvor eine Eichel verzaubert, die der Wanderer in seiner Tasche trug. Der Laut würde direkt zu ihr und zur scharlachroten Leibgarde getragen.

Die verzauberte Eichel

Freddy hingegen spielte weiter auf Zeit.

Er fragte laut in makellosem Altzwergisch:„Was wird heute Abend zum Mahl gereicht?“

Die falschen Zwerge flüsterten hektisch miteinander. Nach langen, peinlichen Sekunden kam eine gebrochene Antwort: „F-Fleisch… von Fremden.“

Freddy nickte, völlig unbeeindruckt.

„Und womit werdet ihr es würzen? Mit Hibiskus-Pfeffer aus Erewhin? Oder vielleicht mit blauem Zimt, Regenbogenblatt und Finkenknolle? Wir führen all dies in Milo’s Waren!“

Jetzt brach Panik unter den falschen Zwergen aus. Die Diskussion wurde lauter, chaotischer, wütender. Nach über zehn Minuten merkten sie endlich, dass Freddy sie nur an der Nase herumgeführt hatte.

Plötzlich sprang der „Zwerg“ mit der hohen Stimme vor. Sein Oberkörper trennte sich vom Unterkörper – doch er zerfiel nicht: Stattdessen entlarvte er sich als zwei Goblins, die aufeinander gestanden hatten.

Alle anderen falschen Zwerge taten es ihnen gleich: Helme fielen, Mäntel flatterten – und eine ganze Horde Goblins kam zum Vorschein.

Zwei Goblins in einem Mantel

Schamanen mit Knochenstäben, Krieger mit schiefen Speeren, und aus den Schatten traten unzählige Goblins hervor – viele reitend auf großen, sabbernden Wargen, die knurrten und scharrten.

Doch da war es schon zu spät. Durch die Eingangswege dröhnten bereits die Schritte der scharlachroten Leibgarde. Ihre Rufe hallten durch die Hallen wie das Tosen eines Sturms.

Ein greller Blitz zerriss die Dunkelheit. Alfina war erschienen – und ihr Zauber spaltete die gewaltige Götterstatue. Splitter stürzten nieder wie funkelnder Regen. Die Goblins kreischten und wurden geblendet – ihre für die dunklen Tunnel gemachten Pupillen konnten dem Licht nicht standhalten.

„JETZT!“ brüllte Freddy. Die Helden stürzten voran. Was folgte, war eine Schlacht, die in Liedern über Jahrhunderte besungen werden würde.

Über hundert Goblins fielen. Dreißig Warge brachen unter den Schwerthieben und Zauberschlägen der Gefährten zusammen. Die Sternenhalle bebte unter dem Donner der Schlacht.

Der Kampf in der Sternenhalle

Als der letzte Goblin tot oder flüchtig war, lag ein unheiliger Schatten schweigend auf dem Steinboden.

Vor den Toren der Zwergenstadt errichteten die Gefährten einen gewaltigen Scheiterhaufen. Goblingleichen, tote Warge und die zerbrochenen Banner Habrakus’ wurden darauf gestapelt. Drei Tage und drei Nächte brannte das Feuer – ein purpurner Schein am Himmel, der weit über die Grenzen der Goblinclans hinaus sichtbar war.

Die Kunde verbreitete sich rasend schnell: „Freddy Freudenreich hat Bothild’s Hallen gereinigt!“

Von nun an würden Goblins zweimal nachdenken, bevor sie sich ihm entgegenstellten.

Jetzt war der Weg frei. Die Helden standen am Rand eines gigantischen Schachts, aus dem kalter Nebel aufstieg. Aus der Tiefe hörte man das Rauschen unterirdischer Wasserfälle – und ein Dröhnen, wie das Atmen eines uralten Wesens.

Hier unten, so spürte Freddy, lag das zweite Drachenartefakt. Und Satmoth würde alles daransetzen, es zuerst zu erreichen.

Der Schacht in die Tiefe
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