Lichtkralle und Donnerklaue
Jahre sind vergangen, seit die Helden Valanors durch die wilden Länder zogen. Könige sind gestorben. Reiche sind gefallen. Alte Straßen wurden von Wäldern verschlungen. Doch noch immer erzählen die Barden an langen Winterabenden von jener Gemeinschaft, die in den dunkelsten Tagen des Zeitalters gegen Monster, Tyrannen und vergessene Schrecken kämpfte.
Sie erzählen von Freddy Freudenreich. Von Alfina Schattenblatt. Vom Einsamen Wanderer. Von Milo dem Hobbit. Und von der Nacht, in der zwei weitere Namen ihren Platz in den Liedern der Welt fanden. Leila Lichtkralle. Und Ulrik Donnerklaue.
Zu jener Zeit hatten die Helden gerade einen großen Sieg errungen. Tief in den Bergen hatten sie die verlassenen Hallen von Bothilds Folly von den Goblinstämmen befreit, welche die uralten Zwergenfestungen besetzt hielten. Die Banner Valanors wehten wieder über den steinernen Türmen. Die alten Hallen waren frei.
Und dennoch wussten die Gefährten, dass ihre Reise noch lange nicht beendet war. Denn tief unter den Bergen lagen die versunkenen Minen von Bothilds Folly. Dort, so flüsterten die alten Legenden, ruhten Geheimnisse aus den Tagen der Drachenkönige.
Bevor sie jedoch in die Tiefe hinabsteigen konnten, schlugen sie ihr Lager vor den gewaltigen Toren der alten Zwergenstadt auf.
Die Nacht war kalt. Die Sterne leuchteten klar über den Gipfeln. Zwischen uralten Felsen brannte ein großes Feuer. Und wie so oft drehte sich alles um eine Frage, die innerhalb der Gemeinschaft beinahe ebenso wichtig geworden war wie der Kampf gegen das Böse.
Wer war der bessere Koch?
Freddy Freudenreich? Oder Milo der Hobbit? Seit Jahren stritten die beiden darüber. Jedes Lagerfeuer wurde zum Wettkampf. Jede Mahlzeit zu einem Duell. Und kein Sieger war jemals bestimmt worden.
An diesem Abend bereitete Freddy einen gewaltigen Wildbraten zu, gewürzt mit Kräutern aus den Wäldern Valanors. Daneben stand Milo über einer eisernen Pfanne und briet Pilze, Zwiebeln und Speck nach einem alten Familienrezept der Hobbits.
„Zu viel Rosmarin“, bemerkte Milo.
„Zu wenig Mut“, antwortete Freddy.
„Die Soße ist zu schwer.“
„Die Portion ist zu klein.“
„Du versteckst den Eigengeschmack.“
„Du servierst Kaninchenfutter.“
Alfina verdrehte die Augen. Der Einsame Wanderer schwieg wie gewöhnlich. Und die übrigen Gefährten genossen einfach beide Mahlzeiten. Denn wer mit Freddy und Milo reiste, musste vielleicht gegen Goblins kämpfen. Hungrig blieb jedoch niemand.
Alfina Schattenblatt saß etwas abseits vom Feuer. Ihr silbernes Haar schimmerte im Sternenlicht. Die Elfenmagierin hatte mehr Wissen gesammelt als manche Bibliotheken. Man sagte, sie könne sich an Ereignisse erinnern, die längst zu Legenden geworden waren.
Neben ihr saß der Einsame Wanderer. Kaum jemand kannte seinen wahren Namen. Manche behaupteten sogar, er selbst habe ihn vergessen. Er sprach selten. Doch seine Augen sahen Dinge, die anderen verborgen blieben. Und seine Ohren vernahmen Geräusche, die kein Mensch hätte hören können. Gerade deshalb war es der Wanderer, der als Erster innehielt. Sein Blick wanderte in die Dunkelheit. Seine Hand legte sich auf den Griff seines Schwertes.
„Dort.“
Sofort verstummte das Lager. Weit entfernt, jenseits der Hügel, flackerte Licht. Und mit dem Wind kam ein Geräusch. Das Klirren von Stahl. Kampf.
Der Einsame Wanderer erhob sich. „Jemand kämpft dort draußen.“
Freddy stellte seinen Teller ab. „Dann sollten wir nachsehen.“
Milo seufzte. „Gerade als das Essen fertig war.“
„Wenn wir schnell genug sind“, sagte Freddy, während er bereits zu seinem Pferd lief, „ist es vielleicht noch warm, wenn wir zurückkommen.“
So ritten die Helden in die Nacht hinaus. Über steinige Pfade. Durch dunkle Wälder. Vorbei an schwarzen Klippen. Bis sie schließlich die Hügelkuppe erreichten.
Dort sahen sie die Flammen. Eine prächtige Reisekutsche brannte lichterloh. Goldene Verzierungen schmolzen in der Hitze. Die Pferde lagen tot am Boden. Und rings um das Wrack tobte eine Schlacht.
Dutzende schwarz gekleideter Assassinen hatten zwei Gestalten eingekreist. Nur zwei. Doch sie kämpften mit dem Mut einer ganzen Armee.
Der erste war ein Wolfsmensch von gewaltiger Größe. Sein Fell war grau wie ein Gewitterhimmel. Seine Schultern breiter als die Tore mancher Festungen. In seinen Händen schwang er eine schwere Axt. Mit jedem Schlag schleuderte er Gegner zu Boden. Er kämpfte wie ein Sturm. Wie eine Naturgewalt. Wie eine Lawine aus Fell, Stahl und Zorn.
An seiner Seite kämpfte eine Katzenfrau. Doch wo der Wolfsmensch rohe Kraft verkörperte, war sie Anmut. Sie bewegte sich durch das Schlachtfeld wie eine Tänzerin. Ihr Bogen sang. Ihre Pfeile fanden jedes Ziel. Selbst mitten im Chaos strahlte sie eine Würde aus, die verriet, dass sie weit mehr war als eine gewöhnliche Reisende.
„Sie werden überrannt“, sagte Alfina. „Dann ändern wir das“, antwortete Freddy.
Und mit diesen Worten stürzten sich die Helden in die Schlacht.
Die Bögen sangen. Schwerter blitzten. Magie erhellte die Nacht. Alfinas Zauber ließen die Dunkelheit zurückweichen. Der Einsame Wanderer bewegte sich lautlos zwischen den Gegnern. Seine Klinge traf schneller, als das Auge folgen konnte. Milos Schleuder summte durch die Luft. Stein um Stein traf sein Ziel mit erstaunlicher Präzision.
Und Freddy? Freddy kämpfte wie in den Liedern, die später über ihn gesungen wurden. Mit Bogen, Schwert und einer gehörigen Portion Glück.
Oder, wie Freddy selbst es später ausdrückte: „Die Glück hatte beschlossen, auf meiner Seite zu kämpfen.“
Als schließlich der Mond hoch über der Lichtung stand, war die Schlacht vorbei. Die Assassinen lagen besiegt am Boden. Nur das Knistern der brennenden Kutsche war noch zu hören.Später saßen die Überlebenden gemeinsam am Feuer. Natürlich hatte Freddy darauf bestanden. Niemand erzählt seine Geschichte mit leerem Magen.“ Das war eine seiner wichtigsten Lebensweisheiten. Und selbst Alfina musste zugeben, dass sie durchaus Sinn ergab.
Während Milo und Freddy bereits darüber diskutierten, ob eine gute Wildsoße mehr Pfeffer oder mehr Wacholder benötigte, erzählten die beiden Fremden ihre Geschichte.
Die Katzenfrau stammte aus dem fernen Reich Felinestan. Einem Land aus Dschungeln, Tempeln und goldenen Städten. Doch ihre Familie war im Streit um den Thron zerbrochen. Brüder kämpften gegen Schwestern. Blut gegen Blut. Und schließlich hatten ihre Feinde Assassinen ausgesandt, um sie zu töten. Selbst bis nach Valanor hatten sie sie verfolgt. Doch ihren Namen wollte sie nicht nennen. Nicht solange ihre Verfolger noch lebten.
Lange betrachtete Freddy die Krallen an ihren Händen.
Im Licht des Feuers glänzten sie wie Smaragde.
Dann nickte er.
„Jeder große Held verdient einen Namen, den die Barden singen können.“
Die Katzenfrau hob eine Augenbraue.
„Und welchen Namen würdest du wählen?“
Freddy lächelte.
„Leila Lichtkralle.“
Für einen Augenblick herrschte Stille.
Dann lächelte die Katzenfrau zum ersten Mal. Und nahm den Namen an.
Der Wolfsmensch lachte.
Ein tiefes, rollendes Lachen wie ferner Donner. „Dann brauche ich wohl ebenfalls einen solchen Namen.“
„Das ist offensichtlich“, sagte Milo. „Du kannst schließlich nicht als ‘großer Wolfsmensch’ in die Legenden eingehen.“
Der Riese grinste.
Freddy musterte seine gewaltigen Klauen.
Dann nickte er.
„Ulrik Donnerklaue.“
Der Wolfsmensch schlug die Faust gegen seine Brust. Und die Berge warfen das Echo zurück.
So wurden in jener Nacht zwei neue Namen geboren.
Leila Lichtkralle.
Ulrik Donnerklaue.
Namen, die später in ganz Valanor bekannt werden sollten.
Als die Sonne am nächsten Morgen über den Gipfeln aufstieg, standen zwei zusätzliche Pferde im Lager. Zwei weitere Helden saßen am Frühstücksfeuer. Und während Freddy und Milo bereits darüber stritten, ob Speck oder Wildschinken die bessere Reiseverpflegung sei, beobachtete Alfina lächelnd die aufgehende Sonne. Denn sie spürte, was die anderen noch nicht wussten. Das Schicksal hatte in jener Nacht neue Fäden geknüpft. Die Gemeinschaft war gewachsen. Und große Abenteuer warteten bereits in den Tiefen der Berge. Doch das ist eine andere Legende.
Dies ist die Geschichte von Lichtkralle und Donnerklaue. Und von der Nacht, in der sie ihren Platz unter den Helden Valanors fanden.