Die Weiße Schlange
Noch heute sprechen die Zwerge der Eisenberge den Namen Bothild mit Ehrfurcht. Sie war Königin in einer Zeit, als die Hallen unter den Bergen heller strahlten als die Paläste der Menschenkönige. Als die Schmieden niemals erloschen. Als Gold und Sternmetall aus den Tiefen der Welt gefördert wurden. Als die Banner der Zwergenkönige bis an die Enden Valanors bekannt waren. Doch all dies geschah vor langer Zeit. Denn selbst die größten Reiche können fallen. Und so begann die Legende von der Weissen Schlange.
Nachdem Leila Lichtkralle und Ulrik Donnerklaue ihren Platz unter den Gefährten gefunden hatten, verweilten die Helden nur eine weitere Nacht vor den gewaltigen Toren der verlassenen Zwergenstadt.
Am nächsten Morgen standen sie am Rand eines gewaltigen Schachtes. Vor ihnen lagen die versunkenen Minen.
Hinter ihnen die Welt der Sonne. Vor ihnen die Welt der Schatten.
Niemand sprach. Selbst Freddy Freudenreich, dessen Worte gewöhnlich schneller kamen als Pfeile aus einem Bogen, blickte schweigend in die Dunkelheit. Denn dort unten warteten keine gewöhnlichen Gefahren. Dort unten wartete Geschichte.
Die Scharlachrote Leibgarde blieb zurück. Zu gefährlich war der Weg. Zu alt waren die Stollen. Zu brüchig die Brücken. Nur die sechs Gefährten wagten den Abstieg. Freddy Freudenreich. Milo der Hobbit. Alfina Schattenblatt. Der Einsame Wanderer. Leila Lichtkralle. Ulrik Donnerklaue. Gemeinsam stiegen sie hinab.
Zuerst verschwanden die Farben. Dann die Geräusche. Dann das Licht. Je tiefer sie kamen, desto älter schien die Luft zu werden. Leitern knarrten unter ihrem Gewicht. Alte Aufzüge hingen rostend über bodenlosen Schächten. Manche Brücken waren nur noch Skelette aus morschem Holz. Unter ihnen gähnte die Finsternis. Ein Abgrund ohne Ende. Ein Ort, an dem selbst Echos starben. Tag und Nacht verloren ihre Bedeutung. Es gab nur noch Stein. Stein über ihnen. Stein unter ihnen. Stein vor ihnen. Die Berge hatten sie verschluckt.
Schließlich erreichten sie die versunkenen Ebenen der Minen. Dort fanden sie Wasser. Schwarzes Wasser. Reglos. Tief.Kalt wie vergessene Gräber. Blinde Fische glitten lautlos durch die Fluten. Manchmal glaubte Milo, Gesichter unter der Oberfläche zu erkennen. Manchmal glaubte Freddy, Stimmen zu hören. Doch Alfina sagte, man solle den Toten nicht zuhören. Denn nicht jede Erinnerung wolle gefunden werden.
Und tatsächlich waren sie nicht allein. Die Geister der alten Zwergenstadt wanderten noch immer durch die Hallen. Verlorene Seelen. Bergleute. Krieger. Schmiede. Königliche Wachen. Sie erschienen nur für Augenblicke. Als Schatten. Als Silhouetten. Als flüchtige Spiegelbilder vergangener Zeiten. Dann verschwanden sie wieder. Als wären sie niemals dort gewesen.
Doch etwas anderes lauerte ebenfalls in der Dunkelheit. Etwas Lebendiges. Etwas Hungriges. Immer wieder hörten die Helden ein fernes Plätschern. Ein Gleiten. Ein Schaben. Als würde ein gewaltiger Körper durch das Wasser ziehen. Dann wurde es wieder still.
Zu still.
Der Einsame Wanderer hörte das Wesen lange bevor es sichtbar wurde. Ulrik Donnerklaue witterte seinen Geruch. Gemeinsam führten sie die Gruppe sicher durch die überfluteten Hallen. Und so entkam die Gemeinschaft dem Monster immer wieder. Bis sie schließlich ihr Ziel erreichten.
Tief im Herzen der Berge lag eine gewaltige Halle. Größer als jede Kathedrale der Menschen. Getragen von Säulen aus schwarzem Stein. In ihrer Mitte stand ein Mausoleum. Dort ruhte Bothild. Letzte Königin der verlorenen Stadt.
Alfina trat vor. Die uralten Runen auf ihrem Stab begannen zu leuchten. Alte Worte wurden gesprochen. Worte, die älter waren als viele Königreiche. Und aus der Dunkelheit erhob sich ein Geist. Nicht schattenhaft. Nicht schwach. Sondern majestätisch.
Die Zwergenkönigin erschien in einer Rüstung aus Sternmetall. Ihr Blick war hart wie geschmiedeter Stahl. Ihre Stimme hallte durch die Halle wie ein Hammer auf einem Amboss.
„Helden von Valanor.“
Die Worte erfüllten den Raum.
„Seit Jahrhunderten warte ich.“
„Seit Jahrhunderten bewache ich den Weg.“
„Seit Jahrhunderten verhindert das Monster der Tiefen, dass meine Pflicht erfüllt wird.“
Die Königin erzählte von der Weißen Schlange. Von einem uralten Schrecken, der einst aus den tiefsten Höhlen unter den Bergen aufgestiegen war. Von einem Monster, das ihre Bergleute verschlungen hatte. Ihre Krieger getötet hatte. Ihre Stadt verwüstet hatte. Selbst nach ihrem Tod war die Kreatur geblieben. Ein Fluch auf den Hallen. Eine Wunde, die niemals heilte.
„Tötet das Monster.“
Die Augen der Königin glühten.
„Dann werde ich euch den Weg öffnen.“
„Und endlich ruhen können.“
Die Helden nahmen die Aufgabe an. Denn sie erkannten die Traurigkeit hinter ihrer Stärke. Nicht Gold hielt Bothild in dieser Welt. Nicht Macht. Nicht Stolz. Sondern Pflicht.
Es war Milo, der schließlich den Plan entwickelte. Der Hobbit saß lange grübelnd am Wasser. Dann sprang er plötzlich auf.
„Wenn es ein Räuber der Tiefe ist, dann können wir es ködern.“
Freddy grinste.
„Zum ersten Mal benutzt du Essen für etwas anderes als Kochen.“
„Nur dieses eine Mal“, antwortete Milo.
Gemeinsam fertigten sie einen gewaltigen Eisenhaken. Daran befestigten sie einen Wildschweinkopf. Eine schwere Kette wurde um eine uralte Zwergensäule geschlungen. Dann ließen sie den Köder in die schwarze Tiefe hinab.
Und warteten.
Doch die alte Schlange war klüger als erwartet. Sie kam nicht von vorn. Sie kam aus der Finsternis hinter ihnen. Lautlos. Unsichtbar. Wie ein Albtraum.
Mit einer Explosion aus Wasser und Schaum schoss sie aus den Fluten. Eine gewaltige weiße Schlange. Länger als ein Schiff. Ihre Schuppen glänzten wie polierter Marmor. Ihre Augen waren kalt wie Wintersterne. Ihre Giftzähne so lang wie Speere. Noch bevor jemand reagieren konnte, packte sie den Einsamen Wanderer. Und zog ihn in die Tiefe.
Sofort brach Chaos aus. Freddy und Leila schossen einen Sturm aus Pfeilen. Alfina ließ Blitze durch die Dunkelheit zucken. Milos Schleuder sang. Der Stein traf das Auge der Bestie.
Die Kreatur schrie. Das Wasser erbebte. Dann traf ihr Schwanz Leila. Der Schlag zerbrach ihren Bogen.
Die Schlange tauchte erneut.
Mit dem Wanderer in ihren Fängen. Und für einen Augenblick glaubten die Helden, ihren Freund verloren zu haben.
Doch Ulrik Donnerklaue gab niemals auf. Mit einem gewaltigen Sprung warf er die Eisenkette um den Leib des Monsters. Seine Muskeln spannten sich. Seine Klauen gruben sich in den Stein. Brüllend stemmte er sich gegen die Kraft der Schlange.
Und tatsächlich. Zum ersten Mal wurde die Bestie aufgehalten.
Da bewies Leila Lichtkralle, warum ihre Geschichte bis heute erzählt wird. Sie sprang in die schwarzen Fluten. Ohne Zögern. Ohne Furcht. Ohne ihren Bogen. Tief unter Wasser erreichte sie die Schlange. Dort riss sie die juwelenbesetzten Krallenkappen von ihren Händen. Darunter blitzten ihre natürlichen Krallen hervor. Smaragdgrün. Getränkt mit dem uralten Gift ihrer Heimat. Ein Erbe der Herrscher von Felinestan.
Sie schlug zu. Einmal. Zweimal. Dreimal. Und das Gift drang tief in den Körper des Monsters.
Die Schlange begann zu zucken. Ihr Leib wand sich. Ihre Kraft schwand.
Ulrik zog.
Freddy zog.
Selbst Milo half mit aller Kraft.
Und schließlich gelang es dem Wanderer, sich aus dem Maul der Kreatur zu befreien. Mit letzter Kraft erhob er sein Schwert. Und stieß es tief in den Rachen der Bestie.
Die Weiße Schlange starb.
Als die Helden zum Mausoleum zurückkehrten, trugen sie den gewaltigen Kopf des Monsters mit sich.
Dort wartete die Königin. Reglos. Schweigend. Seit Jahrhunderten. Lange betrachtete Bothild den gewaltigen Kopf der Weißen Schlange. Jahrhundertelang hatte das Monster ihre Hallen verheert. Jahrhundertelang hatte es ihre letzte Pflicht verhindert. Nun war es tot. Endlich.
Zum ersten Mal verschwand die Härte aus ihrem Gesicht. Und zum ersten Mal seit Jahrhunderten lächelte die Königin.
„Gut.“
Nur ein einziges Wort. Doch in diesem Wort lagen Jahrhunderte. Trauer. Verlust. Pflicht. Und Stolz.
Langsam erhob sich die Zwergenkönigin von ihrem steinernen Thron. Ihre Sternenmetallrüstung funkelte wie ein Nachthimmel voller Sterne. Die Helden schwiegen. Selbst Freddy Freudenreich, dessen Zunge gewöhnlich schneller arbeitete als sein Verstand, sagte kein Wort. Denn jeder spürte die Bedeutung dieses Augenblicks.
„Vor tausend Jahren“, sprach Bothild, „wurde mir eine Aufgabe anvertraut.“ Ihre Stimme hallte durch die uralte Halle.
„Nicht Gold sollte ich bewachen.“
„Nicht eine Krone.“
„Nicht mein Königreich.“
„Sondern dies.“
Die Königin hob ihre Hand. Tief im Mausoleum begannen uralte Runen zu leuchten. Stein mahlte auf Stein. Verborgen hinter ihrem Thron öffnete sich eine Kammer, die seit Jahrhunderten kein lebendes Auge mehr gesehen hatte. Goldenes Licht strömte hervor. Warm. Mächtig. Alt. Älter als selbst die Zwergenreiche.
In der Mitte der Kammer ruhte das Drachenartefakt. Ein Werk aus einer vergessenen Zeit. Geschaffen in den Tagen, als Drachen noch über die Gipfel Valanors herrschten. Die Luft selbst schien um das Artefakt zu flimmern. Und niemand konnte es betrachten, ohne Ehrfurcht zu empfinden.
„Viele kamen, um es zu suchen“, sagte Bothild.
„Könige.“
„Zauberer.“
„Eroberer.“
„Narren.“
Ihre Augen ruhten auf den Helden.
„Keiner war würdig.“
Die Königin trat näher.
„Sie wollten Macht.“
„Sie wollten Ruhm.“
„Sie wollten Herrschaft.“
„Doch keiner von ihnen war bereit, Opfer zu bringen.“
Ihr Blick wanderte über die Gefährten. Über Alfina. Über den Einsamen Wanderer. Über Milo. Über Leila und Ulrik. Und schließlich auf Freddy Freudenreich.
„Ihr seid nicht gekommen, um zu nehmen.“
„Ihr seid gekommen, um zu schützen.“
„Ihr habt gegen die Dunkelheit gekämpft, als andere geflohen sind.“
„Ihr habt Fremde gerettet, ohne ihren Namen zu kennen.“
„Ihr habt die Toten geehrt.“
„Und ihr habt meine Hallen von ihrem Fluch befreit.“
Lange herrschte Stille. Dann nahm Bothild das Artefakt in beide Hände. Das Licht spiegelte sich in ihrer Sternenmetallrüstung.
„Tausend Jahre habe ich darüber gewacht.“
„Tausend Jahre habe ich nach würdigen Nachfolgern gesucht.“
„Nun endet meine Wacht.“
Langsam trat sie vor Freddy und seine Gefährten. Und überreichte ihnen das Drachenartefakt.
„Von diesem Tag an liegt sein Schicksal in euren Händen.“
„Möge eure Weisheit größer sein als eure Macht.“
„Und möge euer Mut größer sein als eure Furcht.“
Die Helden nahmen das Artefakt entgegen. Und als ihre Hände das uralte Relikt berührten, begann das Licht in der Halle heller zu strahlen. Die Runen erwachten. Die Schatten wichen zurück. Und ein Gefühl von Frieden erfüllte die uralten Hallen. Da wussten sie. Die Aufgabe der Königin war erfüllt. Endlich. Nach tausend langen Jahren.
Bothild lächelte. Nicht als Königin. Nicht als Wächterin. Sondern als Zwergin, die endlich nach Hause gehen durfte.
„Meine Stadt ist verloren.“
„Mein Volk längst vergangen.“
„Doch nun weiß ich, dass das Erbe der Alten in guten Händen liegt.“
Langsam begann ihre Gestalt zu verblassen. Wie Nebel im Morgenlicht. Wie ein Stern, der am Horizont verschwindet. Ein letztes Mal blickte sie auf ihre Hallen. Auf ihre Schmieden. Auf ihr Königreich. Dann nickte sie den Helden zu.
„Lebt wohl, Helden von Valanor.“
Und mit diesen Worten verschwand Königin Bothild. Nicht in Dunkelheit. Sondern in Licht.
Noch lange standen die Gefährten schweigend in der gewaltigen Halle. Denn sie wussten: Sie hatten nicht nur einen Schatz gewonnen.
Sie hatten das Vertrauen einer Königin erhalten.
Und das war weit wertvoller als Gold.