Mala-Luk und die Reiter der Steinhörner — Band 1, Kapitel 10

Mala-Luk und die Reiter der Steinhörner

Nachdem die Weiße Schlange erschlagen und das Drachenartefakt aus den Händen der Geisterkönigin Bothild gewonnen worden war, machten sich Freddy Freudenreich und seine Gefährten auf den Rückweg aus den tiefsten Hallen des Berges.

Der lange Aufstieg durch die alten Zwergenminen verlief schweigend. Die Helden waren erschöpft von ihren Kämpfen. Leila Lichtkralle stützte sich auf ihren Bogen, Alfina auf ihren Stab, und selbst Ulrik Donnerklaue sprach kaum ein Wort.

Doch als sie die oberen Stollen erreichten, hörten sie etwas, das dort nicht hätte sein dürfen. Kriegshörner. Das Echo von Schlachtrufen. Das Klirren von Stahl.

Freddy blieb stehen. „Das kommt von draußen.“ Niemand widersprach.

Als die Helden schließlich die großen Eingangshallen erreichten, fanden sie Chaos vor.

Die scharlachrote Leibgarde kämpfte einen verzweifelten Rückzug. Verwundete wurden durch die Tore getragen. Bogenschützen feuerten duch die Scharten der Zwergenfeste. Draußen im Tal wehten unzählige schwarze Banner mit dem blutroten Auge Satmoths.

Eine Orkarmee hatte Bothilds Folly umzingelt.

Der eiserne Ring

Freddy erkannte die Lage sofort.

„Alle Mann zurück in die Stadt!“, rief er. „Die Leibgarde hinter die Tore! Sofort!“

Die Soldaten gehorchten. Doch die Orks drängten nach. Immer mehr von ihnen stürmten jetzt auf den Eingang zu.

Da trat Ulrik Donnerklaue vor. Der Wolfsmensch stellte sich allein in den gewaltigen Torbogen. Hinter ihm strömten die Soldaten der Scharlachroten Leibgarde in die Sicherheit der Zwergenstadt. Vor ihm wälzte sich die Orkhorde heran wie eine schwarze Flut. Ulrik Donnerklaue legte seine gewaltige Zweihandaxt auf die Schulter. Einen Augenblick lang wirkte er beinahe gelangweilt.

„Geht schon“, knurrte er.

Seine gelben Augen ruhten auf den heranstürmenden Orks.

„Ich komme gleich nach.“

Freddy wollte noch etwas erwidern, doch Ulrik hob nur die freie Hand.

„Lauf.“

Dann drehte er sich um. Und trat den herannahenden Orks entgegen.

Die große Zweihandaxt beschrieb einen silbernen Halbkreis. Der erste Ork wurde förmlich aus den Stiefeln gehoben und mehrere Schritt weit zurückgeschleudert.

Zwei weitere stürmten vor. Ein dritter. Ein vierter.

Der Torbogen wurde zu eng. Zu schmal. Zu tödlich. Wo hundert Krieger hätten kämpfen können, war nun nur Platz für wenige. Und dort stand Ulrik.

Die Axt sang ihr Lied. Links. Rechts. Aufwärts. Abwärts. Mit jedem Hieb krachte Stahl auf Stahl. Funken sprühten. Orks fielen. Neue rückten nach. Und auch sie fielen.

Bald türmten sich die Leiber vor dem Tor. Die Angreifer mussten über ihre eigenen Gefallenen steigen, um überhaupt an den Wolfsmenschen heranzukommen. Von den Mauern beobachteten die Soldaten der Leibgarde das Geschehen. Anfangs in Sorge. Dann in Staunen. Schließlich in ehrfürchtigem Schweigen. Denn Ulrik wich keinen Schritt zurück. Nicht einen einzigen.

Donnerklaue hält das Tor

Während Ulrik den Torbogen verteidigte, kämpfte Alfina ihren eigenen Kampf. Kniend vor einer Wand aus uralten Runen fuhr sie mit den Fingern über die verwitterten Zeichen. Die Worte der Geisterkönigin Bothild klangen noch schwach in ihrer Erinnerung nach, doch viele der Symbole waren beschädigt oder vom Zahn der Zeit zerfressen. Hinter ihr hallte das Krachen von Stahl auf Stahl durch die Hallen. Jeder Hieb von Donnerklaue kaufte ihr wenige weitere Augenblicke. Jeder Augenblick konnte über Leben und Tod entscheiden. Schweiß rann ihr über die Stirn.

„Nein … das ist nicht das Wort für Schließen …“, murmelte sie.

„Das bedeutet Verriegeln …“

Wieder erschütterte ein gewaltiger Aufprall die Halle. Die Orks drängten immer näher. Dann endlich erkannte sie die fehlende Zeichenfolge. Tief in den Runen verborgen standen die alten Befehlsworte der Zwergenkönige. Worte, die seit Jahrhunderten niemand mehr gesprochen hatte.

Alfina erhob sich. Sie legte eione Hand auf den Runenstein und sprach mit fester Stimme:

„Barak-Dur Kazad Bothildan!“

Für einen Herzschlag geschah nichts. Dann begann der gesamte Berg zu beben. Die uralten Runen des Tores erstrahlten in goldenem Licht. Tief im Inneren des Berges erwachten längst vergessene Mechanismen. Zahnräder von der Größe eines Hauses setzten sich knarrend in Bewegung. Ein tiefes Grollen erfüllte die Hallen. Langsam setzte sich das gewaltige Zwergentor in Bewegung. Stein mahlte auf Stein. Fußbreit um Fußbreit schloss sich der Eingang. Alfina sank erschöpft auf ein Knie.

Auch die Orks bemerkten das schließende Tor. Ein rauer Befehl hallte durch die Reihen. Plötzlich stürmten nicht mehr einzelne Krieger vor, sondern Dutzende zugleich. Wie eine brechende Welle aus Stahl, Fell und Zähnen warfen sie sich auf Ulrik Donnerklaue. Sie wollten ihn nicht besiegen. Sie wollten ihn überrennen.

Ulrik bleckte die Fangzähne.

„Na endlich“, knurrte er.

Dann stürzte er sich ihnen entgegen. Seine Axt wirbelte durch die Luft wie ein Gewittersturm. Kein Ork erreichte das Tor. Kein Ork erreichte die Stadt. Kein Ork kam an Donnerklaue vorbei.

Als der Spalt schließlich nur noch breit genug für einen einzelnen Krieger war, sprang Ulrik rückwärts hindurch. Im selben Augenblick krachte das Tor zu. Der Donner hallte durch die Berge.

Stille.

Die Belagerung hatte begonnen.

Die Tore schließen sich

In den folgenden Tagen erkannten die Helden das Ausmaß ihrer Lage. Die Stadt war sicher. Doch sie war auch eine Falle. Die Orks hatten sämtliche Vorräte erbeutet, die beim Rückzug zurückgelassen worden waren. Lebensmittel wurden knapp. Die Stimmung sank.

Eines Abends stand Freddy hinter den Shiesscharten der äusseren Zwergenfestung und beobachtete hungrig das Lager der Orks.

Da erreichte ihn ein Geruch. Ein entsetzlicher Geruch. Freddy verzog das Gesicht.

„Bei allen Entenheiligen …“

Milo schnupperte.

„Eintopf?“

„Das ist kein Eintopf!“, rief Freddy empört.

„Das ist ein Verbrechen!“

Am nächsten Morgen ließ Freddy ein blau-weißes karriertes Tischtuch aus einem der Scheissscharten über dem Eingangstoor hängen. Die Orks waren verwirrt. Nach einiger Zeit erschien ihre Anführerin, Mala-Luk, die Eiserne, oberste Heerführerin der Orkarmeen Satmoths.

Sie stemmte die Arme in die Hüften.

„Was willst du, Mallard? Dich ergeben?“

Freddy steckte seinen Kopf aus der Schiesscharte und blickte auf Mala-Luk herab.

„Eure Kochkünste beleidigen die Götter!“

Betretenes Schweigen breitete sich aus. Sowohl Orks als auch Freddys eigene Soldaten starrten ihn ungläubig an. Mala-Luk blinzelte.

„Du wagst es, mich zu beleidigen?“

„Nein“, rief Freddy.

„Ich beleidige euren Koch!“

Gelächter brach auf den Mauern aus. Im Orklager weniger.

„Was schlägst du vor, Mallard?“

„Wenn ich eure Küche verbessere, gebt ihr uns die Hälfte unserer Vorräte zurück.“

Mala-Luk starrte ihn lange an. Dann lachte sie schallend.

„Abgemacht!“

Das Tischtuch als Friedenszeichen

Noch am selben Tag wurde ein Treffen vor dem Tor vereinbart. Von beiden Seiten argwönisch beobachtet, marschierte Freddy mitten ins Orklager.

Was Freddy im Lager der Orks vorfand, erschütterte ihn bis ins Mark. Nicht die Waffen. Nicht die Krieger. Nicht einmal die Schädel, die an einigen Zelten hingen. Nein. Es war das Essen. Vor einem gewaltigen Kessel standen mehrere Orks und ein Oger rührte mit einem Baumstamm in einer graugrünen Masse, deren genauer Ursprung selbst Alfina später nicht durch Magie hätte bestimmen können.

Freddy trat näher. Er schnupperte. Dann schnupperte er ein zweites Mal. Schließlich wich er einen Schritt zurück.

„Bei den zwölf Entenheiligen …“

Einer der Orkköche grinste stolz. „Gut, nicht wahr?“

Freddy blickte ihn an, als hätte der Ork gerade vorgeschlagen, seine Mandoline als Feuerholz zu verwenden.

„Gut?“

Der Mallard rang nach Worten.

„Mein lieber Freund, ich habe bessere Mahlzeiten aus den Resten eines Pferdefuttersacks zubereitet.“

Die anwesenden Orks knurrten empört. Doch Mala-Luk verschränkte nur die Arme.

„Dann zeig uns, wie du es besser machst, Mallard.“

Freddy brauchte keine zweite Einladung. Noch am selben Tag verwandelte sich das Zentrum des Orklagers in die ungewöhnlichste Kochschule, die Valanor je gesehen hatte. Mit der Autorität eines Feldherrn und der Geduld eines Lehrmeisters kommandierte Freddy eine Schar zunehmend verwirrter Orks durch die Geheimnisse guter Küche.

„Nein, nein, nein!“, rief er. „Zuerst anbraten, dann schmoren!“

„Aber warum?“, fragte ein Ork.

Freddy griff sich an die Brust.

„Weil die Götter es so wollen!“

Er erklärte ihnen den Wert von Kräutern. Die Bedeutung von Brühe. Die Kunst einer guten Soße. Die Magie goldbraun gerösteter Zwiebeln. Mehrmals musste Mala-Luk persönlich verhindern, dass frustrierte Orks ihren neuen Lehrmeister auffraßen. Doch als die Sonne hinter den Bergen versank, war das Werk vollbracht. Auf langen Holztischen standen dampfende Schüsseln. Würziger Wildschmorbraten. Gebratene Pilze. Kräutersuppe. Frisches Fladenbrot. Und Freddys berühmter Kanincheneintopf.

Freddys Kochschule

Misstrauisch griffen die ersten Orks zu ihren Löffeln. Mala-Luk selbst nahm den ersten Bissen. Das Lager wurde still. So still, dass man irgendwo einen einzelnen Raben krächzen hörte. Die Feldherrin kaute langsam. Dann noch einmal. Schließlich blickte sie Freddy an.

„Mallard …“

Freddy schluckte.

„Ja?“

„Warum hat uns das nie jemand beigebracht?“. Nun griffen auch die anderen zu.

Ein alter Veteran legte nach einigen Löffeln schweigend sein Besteck nieder. Tränen standen in seinen Augen. „Vierzig Winter“, murmelte er. „Vierzig Winter lang habe ich geglaubt, ich würde Eintopf essen.“

Ein anderer Ork fiel vor dem Kaninchentopf beinahe auf die Knie. Wieder ein anderer verlangte sofort die genaue Menge der verwendeten Kräuter. Bald hallten Gelächter und Gesang durch das Lager. Zum ersten Mal seit Beginn der Belagerung feierten Orks und Menschen denselben Abend – wenn auch auf verschiedenen Seiten der Mauer.

Mala-Luk hielt Wort. Am nächsten Morgen wurden Wagen voller Mehl, Trockenfleisch, Käse und Gemüse vor das Tor gebracht. Genau die Hälfte der erbeuteten Vorräte.

Als Freddy sich bedankte, nickte die Feldherrin nur.

„Ein Handel ist ein Handel.“

Dann deutete sie auf den Kanincheneintopf.

„Aber beim nächsten Mal mehr Soße, Mallard.“

Freddy behauptete später oft, die Belagerung von Bothilds Folly sei weder durch Schwerter noch durch Zauberei überstanden worden. Sondern durch die Erkenntnis, dass selbst ein Ork mit vollem Bauch vernünftiger denkt als ein hungriger.

Ein Handel ist ein Handel

Weitere Wochen der Belagerung vergingen.

Dann entdeckte Leila Lichtkralle einen vergessenen Schacht tief unter der Stadt. Ein Wasserfall stürzte dort aus den Bergen herab. Daneben führte ein schmaler Felsspalt nach oben. Fast senkrecht. Unmöglich für eine Armee. Doch vielleicht nicht für zwei Helden.

Leila und der Einsame Wanderer meldeten sich freiwillig.

Drei Tage und drei Nächte kämpften sich Leila Lichtkralle und der Einsame Wanderer durch den vergessenen Wasserschacht. Mehr als einmal glaubten sie, den falschen Weg gewählt zu haben. Der Felsspalt war kaum breit genug für einen Menschen. Eisiges Wasser rann über die Steine. Ihre Hände waren wund. Ihre Muskeln brannten. Und immer wieder mussten sie auf schmalen Vorsprüngen rasten, während unter ihnen die Finsternis des Schachtes gähnte.

Am Morgen des vierten Tages erreichten sie schließlich das Ende des Aufstiegs. Blendendes Sonnenlicht empfing sie. Zum ersten Mal seit Wochen standen sie wieder unter freiem Himmel.

Drei Nächte im Wasserschacht

Vor ihnen erhob sich eine Welt aus Schnee, Wind und nacktem Fels. Endlose Bergketten zogen sich bis zum Horizont. Kein Weg. Kein Dorf. Kein Zeichen von Leben. Nur die einsamen Gipfel des Hochgebirges. Der Wanderer trat an den Rand einer Klippe und blickte hinab.

„Wenn wir hier oben sterben“, murmelte er, „wird uns niemals jemand finden.“

Leila wollte gerade antworten, als sie etwas bemerkte. Eine Bewegung auf einem gegenüberliegenden Grat. Dann noch eine. Und noch eine. Zunächst hielt sie die Gestalten für Felsen. Doch die Felsen bewegten sich. Lautlos. Mühelos. Als wären sie Teil des Berges selbst.

Der Wanderer folgte ihrem Blick. Dann erstarrte er. „Das kann nicht sein.“

Langsam traten die Wesen aus den Nebelschwaden hervor.

Gewaltige Steinböcke. Größer als jedes Pferd, das Leila jemals gesehen hatte. Ihre mächtigen Hörner glänzten wie poliertes Elfenbein. Ihre Hufe fanden Halt auf Felsspitzen, auf denen kein anderer Lebewesen hätte stehen können. Mit unglaublicher Sicherheit sprangen sie von Klippe zu Klippe. Als würden die Gesetze der Schwerkraft für sie nicht gelten.

Der Wanderer starrte sie an. „Die Steinhörner.“

„Die was?“

„Eine Legende.“

Zum ersten Mal seit Langem klang selbst der Wanderer ehrfürchtig.

„Die alten Bergvölker erzählten von ihnen. Von den Herren der Gipfel. Von Tieren, die dort laufen können, wo selbst Adler keinen Platz zum Landen finden.“

Leila beobachtete die Herde. Mehrere Jungtiere spielten zwischen den Felsen. Ein alter Bock stand etwas erhöht auf einem Felssporn und bewachte die anderen. Seine Hörner waren länger als Speere. Sein Blick wirkte beinahe menschlich.

Die Herren der Gipfel

„Wenn die Geschichten stimmen“, sagte der Wanderer leise, „hat seit Jahrhunderten niemand mehr eines dieser Tiere aus der Nähe gesehen.“

Leila lächelte. „Dann wird es wohl Zeit.“

Der Wanderer schloss die Augen. „Bitte sag mir, dass du nicht vorhast—“

Doch die Katzenfrau war bereits unterwegs. Stundenlang beobachtete sie die Herde. Sie bewegte sich geduldig zwischen den Felsen. Sprach leise. Lockte. Wartete. Immer wieder wich sie zurück, wenn die Tiere misstrauisch wurden. Bis schließlich ein junges Weibchen näherkam. Dann noch eines. Und schließlich sogar der alte Leithammel.

Als die Sonne unterging, stand Leila mitten zwischen den gewaltigen Steinhörnern. Sie strich dem Leithammel über die Stirn. Das Tier schnaubte. Dann senkte es den Kopf. Der Wanderer schüttelte ungläubig den Kopf. „Manchmal vergesse ich, dass du halb Wildkatze und halb Druidin bist.“. Leila grinste. „Nur manchmal?“

Wenige Tage später ritten sie auf den Rücken der gewaltigen Steinhörner über die Gipfel. Wo Pferde abgestürzt wären. Wo Orks niemals folgen konnten. Wo selbst Adler Mühe gehabt hätten. Und während sie über die Wolken hinweg auf das belagerte Bothilds Folly hinabblickten, entstand ein Plan. Ein kühner Plan. Ein gefährlicher Plan. Ein Plan, der entweder die Scharlachrote Leibgarde retten – oder sie alle ins Verderben stürzen würde.

Leila und der Wanderer auf Steinhörnern

Als die ersten Feuer auf den Berggipfeln erschienen, nahmen Mala-Luks Lagerwachen sie kaum zur Kenntnis. Als jedoch in derselben Nacht Hornsignale aus drei verschiedenen Tälern erklangen, änderte sich das.

Am Morgen meldeten ihre Kundschafter bewaffnete Reiter auf den Höhenzügen. Am Mittag berichteten andere von Lagerfeuern auf den westlichen Gipfeln. Am Abend schworen mehrere Späher, sie hätten Hunderte Krieger auf den Felsgraten marschieren sehen.

Mala-Luk gefiel das nicht. Überhaupt nicht. Sie kannte die Armeen Valanors. Sie wusste, wie sie kämpften. Kein General in Valanor hätte diese Berge bezwingewn könne. Und sie wusste vor allem, dass ein Angriff einer dazu fähigen Armee direkt von Bergaufwärts auf ihr Lager im Tal ihr einen wesentlichen Nachteil geben würde.

Also rief sie ihre Hauptleute zusammen. „Findet sie.“

Noch am selben Tag schickte sie mehrere Hundertschaften in die Berge.

Die ersten kehrten nie zurück. Nicht wegen eines Feindes. Wegen der Berge. Pfade endeten plötzlich an Abgründen. Schmale Grate brachen unter den schweren Stiefeln der Orks weg. Steinschläge lösten sich aus dem Nichts. Orks und Warge verschwanden in Nebelbänken und wurden nie wieder gesehen. Die Berge kämpften für ihre unbekannten Verteidiger.

Tag für Tag trafen neue Meldungen ein. Hier waren Reiter gesichtet worden. Dort hatten Hörner geklungen. Anderswo waren Feuer aufgetaucht.

Mala-Luk verlegte Truppen.

Dann verlegte sie weitere Truppen.

Dann noch mehr.

Immer wieder glaubte sie, die fremde Armee endlich gestellt zu haben. Und immer wieder war sie bereits verschwunden. Wie Rauch im Wind. Die Orkführer wurden nervös. Einige behaupteten, die Geister der Berge seien erwacht. Andere sprachen von Elfenzauber.

Mala-Luk glaubte weder an Geister noch an Zauberei. Sie glaubte an Aufklärung. Also ritt sie schließlich selbst in die Höhen.

Drei Tage lang durchkämmte sie die Berge. Drei Tage lang jagte sie Schatten. Mehr als einmal sah sie Gestalten auf den Gipfeln. Kleine schwarze Silhouetten vor dem Himmel. Doch wenn ihre Krieger den Grat erreichten, fanden sie nichts außer kaltem Wind.

Die Armee aus Hörnern und Feuern

Am vierten Tag änderte sich alles. Ein Kundschafter brachte eine überraschende Nachricht.

„Wir haben sie gesehen.“

„Wie viele?“

„Vielleicht sechs.“

Mala-Luk starrte ihn an.

„Sechs Hundert?“

Der Ork schluckte. „Nein, Herrin. Sechs.“

Mala-Luk glaubte ihm nicht. Doch diesmal ritt sie persönlich los. Stunden später erreichte sie einen hohen Felsgrat. Dort sah sie sie endlich. Nicht Tausende. Nicht Hunderte. Nicht einmal Dutzende. Nur zwei einzelne Reiter.

Sie jagten auf gewaltigen Steinböcken über die Klippen. Dort, wo kein Pferd hätte laufen können. Dort, wo selbst ihre besten Krieger kaum Halt fanden. Die Reiter bliesen Hörner. Entzündeten Feuer. Verschwanden hinter den Gipfeln. Und tauchten wenig später meilenweit entfernt wieder auf.

Mala-Luk beobachtete sie lange. Dann begann sie zu lachen. Erst leise. Dann laut. Ihre Begleiter wechselten verwirrte Blicke.

„Herrin?“

Mala-Luk schüttelte den Kopf. Keine zweite Armee. Nur ein paar verdammt schlaue Narren. Sie musste zugeben, dass ihr der Plan gefiel. Er war kühn. Waghalsig. Und vollkommen verrückt. Genau die Art von Plan, die zu dem Mallard passte.

Als sie vom Berg aus hinunter auf Bothilds Folly blickte, dachte Mala-Luk nicht an Satmoth. Nicht an den Krieg. Nicht einmal an das Drachenartefakt. Sie dachte an den Mallard. Den verrückten Barden, der mitten in einer Belagerung eine Kochschule eröffnet hatte. Den Helden, der mit einer Hand eine Mandoline spielte und mit der anderen eine Armee führte. Den einzigen Feind, den sie jemals respektiert hatte. Vielleicht sogar mochte.

Eine Zeitlang stand Mala-Luk schweigend auf dem Grat. Der Wind zerrte an ihrem Fellumhang. Tief unter ihr lag das gewaltige Heer Satmoths wie ein schwarzer Ring um Bothilds Folly. Die Feuer der Belagerer glimmten bereits in der Dämmerung.

Schließlich schnaubte sie verächtlich.

„Mallard.“

Einer ihrer Hauptleute trat neben sie.

„Herrin?“

Mala-Luk deutete hinunter ins Tal. Dort verlief am nördlichen Rand der Belagerung ein breites Geröllfeld. Scharfkantige Felsen, eingestürzte Zwergenwege und tiefe Spalten machten das Gelände schwierig. Deshalb war dieser Abschnitt ohnehin schwächer besetzt als die übrigen.

„Gebt Flaggensignale ins Tal.“

„Welche Befehle, Herrin?“

„Drei Hundertschaften vom Geröllfeld abziehen. Ich will zusätzliche Krieger hier oben in den Bergen.“

Der Hauptmann runzelte die Stirn.

„Vom Geröllfeld?“

„Ja.“

„Aber Herrin, dort ist die Sperrlinie bereits dünner als an den übrigen Abschnitten.“

Mala-Luk blickte weiter hinunter auf Bothilds Folly.

„Und trotzdem haben wir diese verdammten Reiter noch nicht gestellt.“

Der Ork nickte langsam.

„Wie Ihr befehlt.“

Die Signalflaggen wurden gehisst. Wenige Augenblicke später begannen sich tief unten im Tal die ersten Truppen zu verlegen. Mala-Luk beobachtete schweigend, wie sich eine kleine Lücke im eisernen Ring um die Zwergenstadt bildete. Nicht groß. Nicht offensichtlich. Gerade groß genug. Dann wandte sie sich ab. Der Krieg war noch lange nicht vorbei.

Mala-Luks Entscheidung

Noch in derselben Nacht erklangen die Hörner von Bothilds Folly. Tief und mächtig hallten sie durch das Tal. Aus den Schiesscharten erstrahl Fackellicht. Dann bebte der Berg. Langsam öffneten sich die uralten Tore der Zwergenstadt.

„Sie kommen!“

Der Ruf breitete sich durch das Orklager aus. Krieger sprangen auf. Waffen wurden ergriffen. Überall erklangen Alarmhörner. Doch da brach die Scharlachrote Leibgarde bereits aus den Toren hervor.

Ulrik Donnerklaue führte die Spitze. Wie ein lebender Rammbock stürmte der Wolfsmensch voran. Seine gewaltige Axt wirbelte durch die Nacht. Orks wurden beiseitegeschleudert. Schilde zerbarsten. Die überraschten Verteidiger wichen zurück. Hinter ihm folgte die Leibgarde.

Alfina ließ Blitze vom Himmel fahren. Blaue Feuerlanzen zuckten über das Schlachtfeld.

Milo verschwand irgendwo in der Dunkelheit und tauchte wenig später mitten im Orklager wieder auf, wo plötzlich mehrere Vorratswagen brannten. Niemand wusste genau, wie er das geschafft hatte. Nicht einmal Milo selbst.

Und hoch über dem Tal erschienen die Steinhornreiter erneut. Ihre Hörner erklangen von den Felsgraten. Ihre Feuer leuchteten auf den Gipfeln. Erneut glaubten viele Orks an eine zweite Armee. Genau lange genug.

Freddy erkannte die Schwachstelle sofort. Das Geröllfeld.

„Dort!“, rief er.

„Alle nach Norden!“

Die Leibgarde warf sich gegen die feindlichen Reihen. Der Kampf tobte. Schritt für Schritt drängten sie die Orks zurück. Dann plötzlich brachen die Linien. Eine Lücke öffnete sich. Nicht breit. Aber breit genug.

„Vorwärts!“

Die Leibgarde strömte hindurch. Soldaten. Wagen. Verwundete. Pferde. Einer nach dem anderen. Bis schließlich die gesamte Armee den Belagerungsring hinter sich gelassen hatte. Die Flucht war gelungen.

Der Ausbruch aus Bothilds Folly

Doch ihre Prüfung war noch nicht vorbei. Schon bei Sonnenaufgang begann die Verfolgung.

Satmoths Heer setzte ihnen nach. Tagelang führte Freddy seine erschöpften Soldaten durch die Berge. Die Wege waren schmal. Die Nächte kalt. Mehr als einmal glaubten sie, die Verfolger würden sie einholen.

An einem Flussübergang hielt Ulrik mit fünfzig Freiwilligen eine Brücke, bis die letzten Wagen passiert hatten.

In einer mondlosen Nacht erschuf Alfina dutzende magische Lagerfeuer auf einem Berghang und lockte einen ganzen Verfolgertrupp in die falsche Richtung.

Milo stahl Pferde.

Leila und der Wanderer fanden vergessene Pfade durch die Berge.

Jeder trug seinen Teil zur Rettung der Leibgarde bei.

Jeder trägt seinen Teil

Und langsam vergrößerte sich der Abstand zu ihren Verfolgern.

Am achten Tag öffneten sich die Berge. Vor ihnen lag die große Königsstraße. Zum ersten Mal seit Wochen sahen sie wieder Bauernhöfe. Mühlen. Felder. Dörfer. Menschen kamen aus ihren Häusern und starrten die erschöpften Soldaten an.

Dann erkannten sie die Banner der Scharlachroten Leibgarde. Jubel brach aus. Kinder liefen neben der Kolonne her. Bauern brachten Brot und Wasser.

Die Nachricht verbreitete sich schneller als die Armee selbst.

Freddy Freudenreich war zurückgekehrt.

Am Morgen des zehnten Tages erschien Valengard am Horizont. Zuerst war es die alte Ruine im Zentrum der alten Hauptstadt Valanors. Dann glänzten die roten Ziegeldächer im Sonnenlicht. Schließlich erhoben sich die gewaltigen Mauern der Hauptstadt vor ihnen.

Viele Soldaten blieben stehen. Manche lachten. Manche weinten. Einige starrten einfach nur schweigend auf die Stadt. Denn tief in ihren Herzen hatten sie nie geglaubt, diesen Anblick noch einmal zu sehen.

Als sich die Stadttore öffneten, empfing sie das Läuten der Glocken. Tausende Menschen säumten die Straßen. Die Scharlachrote Leibgarde marschierte durch die Tore. Nicht als Sieger. Nicht als Eroberer. Sondern als Überlebende.

Freddy ritt an der Spitze. Das Drachenartefakt ruhte sicher an seiner Seite.

Valengard am zehnten Tag

Und während die Menschen jubelten, blickte der Mallard ein letztes Mal zurück.

Dort, weit hinter den Bergen, lag Bothilds Folly. Die Hallen der Geisterkönigin. Der Ort, an dem sie die Weiße Schlange erschlagen hatten. Der Ort, an dem sie beinahe gestorben wären.

Und irgendwo dort draußen führte Mala-Luk noch immer die Heere Satmoths.

Viele Tage später erreichte die Nachricht schließlich auch das Lager der Orks. Der Mallard hatte Valanor erreicht. Die Leibgarde war entkommen. Ein Orkführer trat vor Mala-Luk.

„Wir haben versagt, Herrin.“

Mala-Luk blickte lange ins Feuer. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Nein.“

„Herrin?“

„Wir haben ihn unterschätzt.“

Der Hauptmann wagte keine weitere Frage.

Als er gegangen war, blieb Mala-Luk allein zurück. Lange stand sie schweigend vor den Flammen. Schließlich hob sie den Blick nach Westen. Dorthin, wo jenseits der Berge Valengard lag. Sie hätte niemals laut ausgesprochen, was sie dachte. Nicht vor ihren Kriegern. Nicht vor Satmoth. Nicht einmal vor sich selbst.

Doch tief in ihrem Herzen war sie erleichtert. Der Mallard lebte. Ein kaum merkbares Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Wir sehen uns wieder, Mallard.“

Dann warf sie einen weiteren Holzscheit ins Feuer. Und begann, den nächsten Feldzug zu planen.

Wir sehen uns wieder, Mallard
Home Freddys Legenden Die Gefährten Freddys Balladen Freddys Konzerte Codex Arcanorum Über Freddy