Der Stern über dem Spiegelsee
Valengard hatte das Schlafen verlernt.
Seit die Scharlachrote Leibgarde aus den Bergen zurückgekehrt war und das zweite Stück der Drachenkrone in die alte Hauptstadt gebracht hatte, brannten auf den Mauern Tag und Nacht die Wachfeuer. Ihr Schein lag wie ein rötlicher Saum auf den Zinnen, spiegelte sich auf Helmen und Speerspitzen und drang durch die schmalen Fenster jener Häuser, in denen Verwundete, Flüchtlinge und erschöpfte Soldaten dicht an dicht auf dem Boden lagen. Die Tempelhallen waren zu Lazaretten geworden, die Marktplätze zu Vorratslagern. In den Gassen roch es nach Rauch, nassem Leder und den Suppenkesseln der Feldküchen. Jenseits der Mauern aber reichten die Feuer der orkischen Belagerer bis an den Horizont, ein zweiter, finsterer Sternenhimmel, der sich Nacht für Nacht enger um die Stadt zu schließen schien.
Zwei der vier Teile der Drachenkrone befanden sich nun in Valengard. Hinter den stärksten Mauern des Reiches waren sie besser geschützt als an jedem anderen Ort – und gerade deshalb war die Stadt zum Mittelpunkt des Krieges geworden. Die noch fehlenden Stücke lagen irgendwo im Norden, verborgen in Ruinen, Gräbern oder längst vergessenen Heiligtümern. Sathmok suchte nach ihnen. Solange seine Diener nicht wussten, wohin Freddy Freudenreich und seine Gefährten als Nächstes zogen, besaßen die Verteidiger wenigstens einen kleinen Vorteil.
Freddy hatte viele Nächte über den alten Karten verbracht. Er hatte Wege verworfen, andere neu eingezeichnet, Berichte von Spähern gelesen und mit seinen Gefährten gestritten, bis selbst Milo zu müde gewesen war, dabei zu essen. Am Ende war nur ein Entschluss geblieben, der ihm schwerer fiel als mancher Gang in die Schlacht: Die Scharlachrote Leibgarde musste in Valengard zurückbleiben.
Die roten Mäntel hatten ihn durch Feuer, Blut und die versunkenen Hallen von Bothild’s Folly begleitet. Wo sie erschienen, kannte inzwischen jeder Händler, jeder Späher und jeder Bettler ihren Namen – und wusste, dass Freddy Freudenreich nicht weit sein konnte. Für einen offenen Feldzug war diese Berühmtheit eine Waffe. Für die heimliche Suche nach den letzten Teilen der Krone war sie eine Gefahr.
Darum sollten nur sechs Gestalten die belagerte Stadt verlassen: Freddy, der Einsame Wanderer, Milo der Kleine, Alfina Schattenblatt, Leila Lichtkralle und Ulrik Donnerklaue. Keine Eskorte, keine Fahnen, kein Troß. Selbst unter ihren engsten Verbündeten durften nur wenige wissen, dass sie fort waren, und niemand sollte ihr Ziel erfahren. Die Kathedrale der Drachen lag weit im Norden; wenn es dort noch eine Spur der Krone gab, mussten sie sie finden, ehe Sathmoks Diener ihnen zuvorkamen.
Sie brachen in einer mondlosen Nacht auf. Kein Horn erklang, als sich eine kleine Seitentür in der inneren Mauer öffnete. Dunkle Mäntel verbargen Waffen, Federn und Fell; die Bögen waren in Tuch geschlagen, Metallteile mit Leder umwickelt. Jeder trug nur, was er selbst über viele Meilen tragen konnte: eine Decke, Wasser, wenige Vorräte und das Notwendigste für den Kampf. Der Abschied von Valengard sollte keine Erinnerung hinterlassen.
Am Rand des inneren Heerlagers blieb Freddy dennoch stehen. Zwischen den Zelten der Scharlachroten Leibgarde glommen die Feuer unter einer dünnen Schicht aus Asche. Dort schliefen Männer und Frauen, die ihm bis in die tiefsten Hallen der Zwergenfeste gefolgt waren, ohne zu wissen, dass ihr Anführer sie verließ. Der Gedanke fühlte sich falsch an. Er wusste, weshalb es notwendig war; das machte ihn nicht leichter.
Ein junger Wachposten hob den Kopf. Für einen Augenblick begegneten sich sein Blick und der des Erpels. Freddy legte einen Finger an den Schnabel. Der Soldat fragte nicht, wohin sie gingen, und er rief niemanden herbei. Er hob nur die geballte Faust an die Brust, den alten Gruß der Leibgarde. Freddy erwiderte ihn mit einem stummen Nicken und wandte sich ab.
Noch vor Mitternacht lag die letzte Mauer Valengards hinter ihnen. Vor ihnen erstreckten sich die Linien Mala-Luks.
Der Einsame Wanderer führte sie. Wo andere nur Dunkelheit und nasses Gras gesehen hätten, erkannte er die Ordnung einer Belagerungsarmee: Wachposten an Furten und Wegen, Reiter zwischen den Lagern, Signalfeuer auf den Hügeln und Ablösungen, die zu festen Zeiten durch die Nacht zogen. Die Orks lagerten nicht wie eine Horde, die sich blind um eine Beute drängte. Ihre Linien waren tief gestaffelt, ihre Wege kurz, ihre Schwachstellen mit Wargpatrouillen gedeckt. Mala-Luk wusste, wie man eine Armee führte.
Mehrmals lagen die Gefährten flach im kalten Gras, während Schritte und das Knarren von Sätteln nur wenige Ellen entfernt vorüberzogen. Einmal blieb ein Warg mitten auf dem Weg stehen. Das gewaltige Tier hob die Schnauze; seine Nüstern bebten. Ulrik Donnerklaue spannte jeden Muskel, und Leilas Hand glitt lautlos zu einem Pfeil. Ein Kampf an dieser Stelle hätte innerhalb weniger Augenblicke die umliegenden Posten alarmiert.
Der Warg schnupperte erneut und wandte langsam den Kopf zu ihrem Versteck.
Da griff Milo in seine Manteltasche. Mit der behutsamen Bewegung eines Mannes, der einen Schatz opferte, zog er eine kleine, in Fett gebratene Wurst hervor. Ohne die anderen anzusehen, schleuderte er sie flach über das Gras. Sie flog auf die gegenüberliegende Seite des Weges und verschwand lautlos zwischen den Farnen.
Die Ohren des Wargs zuckten. Der Duft traf ihn wie ein unsichtbarer Zügel. Abrupt drehte er sich von den Gefährten fort und zog mit solcher Kraft in Richtung der Farne, dass sein Reiter im Sattel zur Seite gerissen wurde.
»Was hast du?«, zischte der Ork und riss an den Riemen. Als das Tier sich nur noch hartnäckiger gegen ihn stemmte, folgte ein Fluch, der selbst unter Orks nicht für die Verwendung bei Tisch gedacht war. Schließlich bekam der Reiter den Warg wieder unter Kontrolle. Die Patrouille zog weiter, begleitet vom sehnsüchtigen Winseln des Tieres.
Lange blieb es still. Erst als auch das letzte Geräusch verklungen war, beugte sich Freddy zu Milo hinüber.
»War das unser Frühstück?«
Milo sah in die Richtung, in der die Wurst verschwunden war, und seufzte. »Jetzt nicht mehr.«
Erst im Schutz einer flachen Senke wagten sie wieder aufrecht zu gehen. Hinter ihnen blieb Valengard als matter Feuerschein am südlichen Himmel zurück; vor ihnen lag nur die Schwärze des Landes, das von Mala-Luks Reitern durchkämmt wurde.
◆
Kurz vor der Morgendämmerung erreichten sie den Radagan. Der Fluss lag breit und schwarz zwischen seinen Ufern, angeschwollen von den Regenfällen in den Bergen. Weiter westlich ragten im fahlen Licht die zerbrochenen Pfeiler jener Brücke aus der Strömung, an der einst eine ganze Orkarmee aufgehalten worden war. Das Wasser brach sich schäumend an den Trümmern. Für einen Moment standen die Gefährten schweigend da, jeder mit eigenen Erinnerungen an den Tag, an dem Alfina den Fluss zu einer Waffe gemacht hatte.
Milo blickte auf die dunkle Strömung. »Beim letzten Mal hatten wir hier wenigstens noch eine Brücke.«
Der Wanderer hatte flussaufwärts die Reste eines alten Fährseils entdeckt. Es hing tief über dem Wasser, ausgefasert und an manchen Stellen bereits grün vor Fäulnis, doch der Pfosten am nördlichen Ufer stand noch. Sie sicherten ihre Ausrüstung, spannten ein zweites Seil als Führung und stiegen nacheinander in den Fluss. Das Wasser war so kalt, dass es Freddy den Atem nahm. Die Strömung zerrte an seinem Mantel und drückte ihn gegen das Seil; mehr als einmal verlor er den Grund unter den Füßen. Ulrik ging hinter ihm und fing ihn mit einer Hand auf, als wäre der Erpel kaum schwerer als ein nasser Rucksack.
Als Freddy das nördliche Ufer erreichte, klebten seine Federn am Körper, sein Mantel tropfte, und seine Würde befand sich vermutlich noch irgendwo in der Mitte des Radagan. Er setzte gerade zu einer Bemerkung an, die Milo von der Verantwortung für das verlorene Frühstück bis zum allgemeinen Zustand der Welt geführt hätte, als die Nacht über ihnen aufriss.
Es begann nicht wie ein Sonnenaufgang. Kein erster Schimmer kündigte das Licht an. Von einem Herzschlag zum nächsten wurde das Tal taghell.
Ein weißgrüner Feuerball raste durch das Firmament, so hell, dass die Schatten der Gefährten über das Ufer sprangen. Hinter ihm zog sich eine glühende Spur von Osten nach Westen; kleinere Splitter brachen aus dem Licht, brannten für wenige Augenblicke wie neue Sterne und verloschen. Der Feuerball flog über den Spiegelsee hinweg und verschwand hinter den fernen Bergen. Dort flammte der Horizont noch einmal auf.
Dann kam der Donner.
Er erreichte sie erst nach mehreren Atemzügen, ein tiefer Schlag, der über die Gipfel und den See rollte und das Tal des Radagan erzittern ließ. Hunderte Vögel stiegen aus den Wäldern. Wölfe antworteten aus der Ferne. Selbst unter Freddys Füßen schien die Erde nachzubeben.
Alfina starrte in die Richtung, in der das Licht verschwunden war. Der Widerschein lag noch immer in ihren Augen. »Das war kein gewöhnlicher Stern.«
»Nein«, sagte Freddy, während er Wasser aus seinem Mantel wrang. »Und deshalb hoffe ich, dass er dort liegen bleibt, bis wir zurückkommen.«
Leila hatte die Ohren aufgerichtet. Ihr Blick ruhte auf den Bergen. »Wir sollten den Einschlag suchen.«
Freddy ließ den nassen Stoff sinken. Er erinnerte sie an die Kathedrale der Drachen, an die beiden fehlenden Teile der Krone, an Sathmok und die Armee vor Valengard. Sie waren eben erst ungesehen durch feindliche Linien gelangt und beinahe im Radagan ertrunken. Es gab, so erklärte er mit zunehmend angestrengter Ruhe, keinen vernünftigen Grund, den Plan wegen eines Steins zu ändern, der beschlossen hatte, vom Himmel zu fallen.
Leila wandte sich ihm zu. »Ein Stein? Das könnte Diamantengold sein.«
Das Wort wirkte stärker als jeder Befehl. Milo, der gerade seine Decke auswrang, hielt inne. Alfina hob eine Augenbraue. Selbst der Wanderer löste den Blick vom südlichen Ufer.
Freddy kannte viele Arten von Gold und noch mehr Geschichten über Dinge, die angeblich wertvoller waren. Diamantengold gehörte nicht dazu. Leila erklärte mit einer Sicherheit, die nur durch ein winziges Zögern verdächtig wurde, es handle sich um ein äußerst seltenes Himmelsmetall, härter als Diamant, wertvoller als Gold und von außerordentlicher magischer Kraft.
»Woher weißt du das?«, fragte Freddy.
»Aus dem Norden.«
»Welchem Teil des Nordens?«
»Dem sehr weit entfernten.«
Alfina betrachtete Leila nun mit dem stillen Interesse, das sie sonst nur unbekannten Runen entgegenbrachte. Milo hingegen schien jedes Wort vorbehaltlos zu glauben. Freddy wandte sich hilfesuchend an den Einsamen Wanderer. Der Elf blickte zu den Bergen, dann zu Leila und schließlich zurück zu Freddy.
»Wir sollten es uns ansehen«, sagte er.
»Verräter.«
Alfina wies darauf hin, dass der Einschlag eine gewaltige, möglicherweise unbekannte Magie freigesetzt haben konnte. Wenn diese Macht mit den Drachenartefakten zusammenhing, wäre es gefährlich, sie zu ignorieren. Ulrik fügte hinzu, dass Sathmoks Diener den Stern ebenfalls gesehen haben mussten. Was immer dort niedergegangen war, würde nicht lange unentdeckt bleiben.
Fünf erwartungsvolle Gesichter wandten sich Freddy zu. Er ließ den Blick von einem zum anderen wandern, als hoffe er noch immer, irgendwo Vernunft zu finden. Schließlich zog er den Mantel enger um sich und setzte sich in Bewegung.
»Gut«, sagte er. »Dann sind wir uns einig. Den Einschlag zu untersuchen war von Anfang an mein Plan.«
Hinter ihm hörte er Leila leise lachen.
◆
Den folgenden Tag zogen sie am Nordufer des Radagan nach Westen. Sie hielten sich unter den Bäumen, mieden offene Wege und legten nur kurze Pausen ein. Gegen Abend veränderte sich die Landschaft. Zwischen verwilderten Feldern tauchten niedrige Steinmauern auf, halb unter Moos und Brombeeren begraben. Tote Obstbäume standen in langen Reihen, ihre Äste schwarz vor dem bleichen Himmel. Ein überwucherter Fahrweg führte zu einem Hügel, auf dessen Kuppe ein verfallenes Herrenhaus thronte.
Es musste einst ein wohlhabendes Gut gewesen sein. Zwei Seitenflügel umschlossen einen weiten Hof, und verwitterte Säulen flankierten den Eingang. Hinter dem Haus lagen die Reste eines Gartens mit einem ausgetrockneten Brunnen und steinernen Terrassen. Nun waren große Teile des Daches eingestürzt. Leere Fensterhöhlen blickten über die Felder, Efeu kroch über das Mauerwerk, und aus dem Innenhof stieg ein dünner Rauchfaden.
Der Wanderer hob die Hand. Die Gefährten blieben im Schutz der letzten Baumreihe zurück, während er zwischen den Schatten verschwand. Die Dämmerung senkte sich bereits über das Land, als er zurückkehrte.
»Goblins«, sagte er. »Etwa dreißig. Fast alle beritten.«
Freddy brauchte nicht zu fragen, worauf. Aus dem Hof drang das tiefe, unruhige Knurren der Wargs.
Die Reiter gehörten nicht zur Hauptarmee, sondern zu ihren Augen. Sie patrouillierten am Fluss, suchten nach Flüchtlingen, Kundschaftern und jedem, der Mala-Luks Linien durchbrochen hatte. Der Wanderer hatte ihre Wege gesehen. Spätestens am Morgen würden sie die Fährstelle untersuchen und am nördlichen Ufer die Spuren der Gefährten finden. Von da an wäre die heimliche Reise nach Norden vorbei.
Außerdem gab es im Herrenhaus einen Kellereingang. Vier Goblins bewachten ihn ständig, während die übrigen im Hof lagerten. Vielleicht lagen dort Vorräte; vielleicht etwas, das ihnen wichtiger war als Nahrung.
Freddy betrachtete lange die Ruine. Dreißig Späher waren für sechs Reisende zu viele, doch sie zu umgehen bedeutete, Mala-Luk ihre Fährte zu überlassen. Ein einziger entkommener Reiter konnte noch vor dem nächsten Abend Verstärkung heranführen.
»Wir können sie nicht hinter uns lassen«, sagte er schließlich.
Ulrik nahm die Axt vom Rücken. »Dann enden ihre Wege hier.«
Leila musterte die Mauern und die schmalen Ausgänge des Hofes. »Keiner darf entkommen.«
In Freddys Gesicht war nichts mehr von dem Erpel zu sehen, der vor wenigen Stunden noch über nasse Federn und erfundenes Gold geklagt hatte. Er nickte nur. »Keiner.«
Sie griffen nicht sofort an. Während das Licht über den Feldern erlosch, erkundeten sie die Mauern, Hecken und alten Bewässerungsgräben. Der Wanderer hatte erkannt, dass das Gut für Menschen zahlreiche Fluchtwege bot, für dreißig Wargs jedoch nur drei breite Durchgänge. Mauern und Dornhecken würden die Tiere in den Hof zwingen. Goblins waren schnelle Jäger, aber selten vorsichtig, wenn sie glaubten, ein schwaches Opfer vor sich zu haben.
Leila und der Wanderer verschwanden in den Ruinen. Zwei Außenposten starben, ohne einen Warnruf ausstoßen zu können. Alfina bezog hinter der zerbrochenen Mauer einer kleinen Kapelle Stellung, von wo aus sie den südlichen Durchgang überblickte. Milo schleppte feuchtes Stroh, Lampenöl und die Dauben zerbrochener Fässer zu den schmalen Ausgängen. Ulrik wartete im dunklen Torbogen des Herrenhauses, die Axt in beiden Händen.
Freddy ging allein über den ehemaligen Gutshof.
Er pfiff eine harmlose Melodie und achtete darauf, dass seine Schritte auf dem losen Kies zu hören waren. Der erste Goblinposten entdeckte ihn noch vor dem inneren Tor. Ein Ruf durchschnitt die Abendluft; ein zweiter antwortete aus dem Hof. Feuer wurden hochgerissen, Waffen gezogen, Sättel bestiegen. Binnen Augenblicken quoll das Lager aus den Ruinen.
Freddy blieb gerade lange genug stehen, um erschrocken zu wirken. Dann wandte er sich zur Flucht.
Das Triumphgeheul der Goblins folgte ihm. Die ersten Wargreiter schossen durch das geborstene Tor, weitere drängten hinterher. Freddy rannte über den Hof, sprang über einen eingestürzten Brunnenrand und schlüpfte durch den einzigen breiten Zugang in den ummauerten Innenhof. Die Wargs waren schneller als er. Ihr Atem ging heiß in seinem Rücken; Krallen rissen Funken aus den Steinen. Doch gerade als der erste Reiter seinen Speer hob, war auch der letzte Goblin durch das Tor.
»Jetzt!«, rief Freddy.
Der Wanderer stieß den vorbereiteten Stützbalken aus seiner Kerbe. Über dem Tor brach ein halb eingestürzter Bogen zusammen. Steine, Balken und Staub begruben den Ausgang. Im selben Augenblick warf Milo seine Fackel. Das feuchte Stroh fing nur zögernd Feuer, doch dicker weißer Rauch quoll in die beiden Seitengänge und nahm den Wargs Sicht und Witterung.
Die Tiere gerieten in Panik.
Auf der Mauer erhob sich Leila Lichtkralle. Ihr erster Pfeil traf den Goblin, der sein Reittier zum verschütteten Tor herumriss; der zweite nahm einem anderen die Hand vom Signalhorn. Gegenüber spannte der Wanderer den Bogen. Zwischen ihnen blieb kein Fluchtweg ungedeckt.
Nun begriffen die Goblins, dass sie keinem verängstigten Reisenden nachgesetzt hatten. Sie hatten genau den Weg genommen, den Freddy ihnen zugedacht hatte. Der Erpel blieb inmitten des Hofes stehen, schlug den Mantel zurück und zog seinen Bogen aus der dunklen Hülle.
»Meine Herren«, sagte er, während die ersten Reiter auf ihn zudrängten, »Sie befinden sich auf der falschen Seite des Hinterhalts.«
Dann ließ er die Sehne los.
◆
Der Pfeil traf den vordersten Warg über dem Auge. Das Tier brach im Lauf zusammen und schleuderte seinen Reiter gegen die Brunnenmauer. Der zweite Pfeil durchbohrte die Kehle eines Goblins, der bereits das Horn an die Lippen setzte. Danach blieb keine Zeit mehr für Worte.
Der Rauch machte die Wargs unberechenbar. Sie gehorchten weder Schenkeldruck noch Zügeln, schnappten nach ihren Reitern und warfen sich blind gegen Mauern und Hindernisse. Einer sprang über einen qualmenden Strohhaufen, prallte gegen einen umgestürzten Karren und riss ihn mit sich. Ein anderer raste quer durch eine Gruppe Goblins, die sich gerade zum Gegenangriff sammeln wollte. Überall mischten sich das Heulen der Tiere, die schrillen Befehle ihrer Reiter und das Krachen berstenden Holzes.
Aus dem Torbogen des Herrenhauses trat Ulrik Donnerklaue. Im flackernden Licht wirkte er wie ein zweiter, aufrecht gehender Warg, größer und breiter als alles, was sich ihm entgegenwarf. Seine Axt beschrieb einen gewaltigen Bogen und traf das erste Tier mitten im Sprung. Der nächste Warg prallte gegen ihn und riss ihn zu Boden. Drei Goblins stürzten sich auf den Wolfsmann; für einen Augenblick verschwand er unter Fell, Zähnen und rostigem Eisen. Dann stemmte er sich mit einem Brüllen empor, das selbst die rasenden Tiere zurückweichen ließ.
Leila und der Wanderer schossen nicht auf jene Gegner, die Freddy und Ulrik unmittelbar bedrängten. Ihre Aufgabe war der Ring um den Hof. Jeder Goblin, der eine Mauer erklomm, fiel unter Leilas Pfeilen zurück. Jeder Warg, der in einen der verrauchten Seitengänge eindrang, wurde vom Wanderer gestoppt. Wo die Tiere dennoch durchzubrechen drohten, schleuderte Alfina weißes Feuer über die Steine. Die Flammen trafen nicht die Wargs selbst, sondern fraßen sich vor ihren Pfoten durch Holz und altes Laub, zwangen sie herum und zurück in den Hof.
Milo hatte sich hinter den Brunnen zurückgezogen und setzte die vorbereiteten Seile ein, um einzelne Reiter aus dem Chaos zu lösen. Ein Goblin entdeckte ihn und trieb seinen Warg um den Brunnen herum. Milo rannte, so schnell seine kurzen Beine ihn trugen, sprang im letzten Augenblick über ein gespanntes Seil und warf sich zur Seite. Der Warg bemerkte die Schlinge zu spät. Seine Vorderläufe wurden unter ihm weggerissen; Tier und Reiter überschlugen sich auf den Steinen.
Milo lag keuchend im Staub. »Warum«, brachte er hervor, »passiert so etwas immer mir?«
Der Goblin richtete sich benommen auf. Milo zog seinen kurzen Dolch. »Verzeihung«, sagte er und stürzte sich auf ihn.
Der Kampf dauerte nur wenige Minuten. Später erschien er ihnen länger, denn jeder Augenblick hatte aus Rauch, Lärm und der Gewissheit bestanden, dass ein einziger durchgebrochener Reiter ihre Reise verraten würde. Freddy schoss, bis seine Fingerkuppen bluteten. Ulrik hielt die Mitte des Hofes. Alfina lenkte den Kampf mit Feuer und Licht, während Leila und der Wanderer den Ring immer enger schlossen.
Als der letzte Warg zusammenbrach, sank eine schwere Stille über das Gut. Rauch hing zwischen den Mauern. Freddy ließ den Bogen sinken und lauschte.
»Alle?«
Der Wanderer blickte über die Mauer. Leila prüfte die Seitengänge. Dann schlug irgendwo im Herrenhaus eine Tür zu.
Beide fuhren gleichzeitig herum.
Der Kellereingang stand offen. Einer der Goblins war nicht aus dem Gut geflohen, sondern darunter.
◆
Eine steile Steintreppe führte in die Tiefe. Hinter einer eisenbeschlagenen Tür lagen die Keller des Anwesens. Zunächst roch es nur nach Erde, Moder und altem Wein. Zerfallene Fässer standen in den ersten Kammern, mit Pilzen überwachsen und von weißen Wurzeln durchzogen. Weiter unten aber mischte sich Blutgeruch in die feuchte Luft.
Das Mauerwerk veränderte sich. Die sauber behauenen Steine des Herrenhauses endeten an einer Fuge, die wie eine Narbe durch die Wand lief. Dahinter bestanden die Gänge aus großen schwarzen Blöcken, deren Kanten so genau aufeinanderlagen, dass keine Messerklinge dazwischengepasst hätte. Das Gut war über etwas viel Älterem errichtet worden.
Alfina blieb vor den ersten Zeichen stehen. Kreise, Runen und gesichtslose menschliche Gestalten waren in den Stein geritzt. Manche Linien glänzten feucht, obwohl die Wand selbst trocken war. »Das hier gehört nicht zum Herrenhaus«, flüsterte sie. »Und die Goblins haben es nicht geschaffen.«
Aus der Tiefe drang Gesang. Drei Stimmen wiederholten dieselben rauen Silben, langsam und mit wachsender Kraft. Der Wanderer löschte ihre Fackel. Im roten Schein ferner Kerzen schlichen sie weiter, bis sich der Gang zu einer gewaltigen Kammer öffnete.
Drei Goblinschamanen standen um einen Kreis aus tief in den Boden geschnittenen Linien. Fünf rote Kerzen markierten seine äußeren Spitzen. In der Mitte lag ein gefesselter Mann, ein Bauer den Kleidern nach, mager und mit Schmutz im Gesicht. Weitere Gefangene kauerten in einer Nische an der Wand. Sie waren zu erschöpft, um zu rufen; nur ihre Augen bewegten sich, als die Gefährten aus dem Dunkel traten.
Einer der Schamanen hob ein Messer.
Freddy rief, doch die Klinge fiel, bevor sein Pfeil die Sehne verlassen konnte. Das Blut des Mannes rann nicht wahllos über den Boden. Es wurde von den eingeschnittenen Rinnen aufgenommen, teilte sich, strömte zu den fünf Spitzen und färbte den Kreis dunkelrot.
In diesem Augenblick stolperte der geflohene Goblin in die Kammer. Als er die Gefährten sah, wich seine Erschöpfung einem triumphierenden Grinsen. Der Wanderer schoss. Sein Pfeil traf den Goblin in die Brust und warf ihn rückwärts. Auch sein Blut spritzte über den Rand des Kreises.
Der Gesang verstummte.
Vollkommene Stille legte sich über die Kammer. Selbst das Tropfen des Wassers in den Gängen war nicht mehr zu hören. Dann färbten sich die Flammen der fünf Kerzen von Rot zu einem beinahe schwarzen Blau.
Nebel quoll aus dem Stein.
Er drang durch keine Fuge und keinen Spalt; er entstand auf dem Boden selbst, floss über die Linien des Kreises und wickelte sich um die Beine der Lebenden. Die Luft wurde mit jedem Atemzug kälter. Milo wich einen Schritt zurück und sah zu Alfina, doch die Magierin antwortete nicht. Ihr Blick hing an den Runen, die unter dem Blut zu glimmen begonnen hatten.
Eine knöcherne Hand brach durch den Boden. Dann eine zweite.
Rings um den Kreis erhoben sich Tote. Skelette zogen sich aus der Erde, manche in den Resten uralter Gewänder, andere in verrosteten Rüstungen. Erde rieselte aus ihren Rippen. Leere Schädel wandten sich den Lebenden zu.
Die Schamanen lachten – bis am hinteren Ende der Kammer ein mächtiges Krachen ertönte. Der Deckel eines steinernen Sarkophags kippte zur Seite und schlug so schwer auf, dass der Boden erbebte. Metall schabte über Stein. Aus dem offenen Grab erhob sich ein Ritter.
Seine Rüstung war nicht bemalt, sondern verbrannt. Hitze hatte die Platten geschwärzt und ihre Ränder verzogen, als hätte der Ritter einst in einem Feuer gestanden, das selbst Stahl verzehrte. Unter dem geschlossenen Helm lag kein Gesicht. In der Dunkelheit des Visiers glommen zwei rote Punkte.
In seiner Rechten hielt er ein Langschwert, das neben der Rüstung beinahe unscheinbar wirkte: dunkles Eisen ohne Gold oder Edelsteine, übersät mit Kerben, Kratzern und feinen Rissen. Verblasste Runen zogen sich über die Klinge wie alte Narben.
Der Schwarze Ritter stieg aus dem Sarkophag. Einer der Schamanen wies auf die Gefährten und schrie einen Befehl. Der Ritter wandte langsam den Helm zu ihm.
Dann schlug er dem Schamanen den Kopf ab.
Für den Bruchteil eines Augenblicks erstarrten alle. Milo schluckte. »Ich glaube nicht, dass er zu ihnen gehört.«
Die Skelette griffen an.
◆
Ulrik stellte sich dem Schwarzen Ritter entgegen. Axt und Schwert trafen mit solcher Gewalt aufeinander, dass Funken durch den Nebel stoben. Ulrik wurde einen Schritt zurückgedrängt. Der Ritter bewegte sich nicht.
Leila schoss ihm mitten in die Brust. Der Pfeil zersplitterte an der schwarzen Platte. Der Wanderer zielte durch den schmalen Sehschlitz; sein Geschoss verschwand in der Dunkelheit des Helms, ohne die roten Lichter darin auch nur flackern zu lassen. Freddys Pfeil traf die Fuge unter dem Arm, drang ein und blieb wirkungslos stecken.
Während Ulrik den nächsten Schlag abfing, schlossen sich die Skelette um die übrigen Gefährten. Der Wanderer wechselte zum Schwert. Seine Hiebe waren knapp und genau; er zerschlug Gelenke, trennte Wirbelsäulen und ließ die Knochen zu seinen Füßen auseinanderfallen. Leila glitt zwischen den Toten hindurch, benutzte den Bogen auf kürzeste Entfernung und führte in der anderen Hand ein Messer. Freddy zog sein Jagdmesser, als ihm die Skelette zu nahe kamen. Milo hielt mit seiner kleinen gusseisernen Pfanne einen rostigen Säbel ab und schlug dem Angreifer anschließend den Unterkiefer aus dem Schädel.
Der Schwarze Ritter kämpfte ohne Hast. Er brauchte keine. Jeder seiner Schläge besaß genug Gewicht, einen gepanzerten Mann zu zerschmettern. Als Ulrik erneut blockte, glitt die dunkle Schneide über das Blatt seiner Axt. Ein tiefer Schnitt blieb im Stahl zurück.
Ulrik sah auf die Kerbe, dann auf das rissige Schwert. »Das ist keine gewöhnliche Klinge.«
Alfina stand am Rand des blutgefüllten Kreises. Der Nebel wirbelte um ihre Knie, doch sie achtete nicht auf die Skelette, die näher kamen. Ihr Blick folgte den Rinnen im Boden. Jede endete an einer der fünf Kerzen. Die Runen um den Sarkophag leuchteten im selben dunklen Blau wie ihre Flammen.
»Der Kreis hat ihn nicht gerufen«, sagte sie.
Freddy wich dem Hieb eines Skeletts aus und stieß das Jagdmesser zwischen zwei Halswirbel. »Was tut er dann?«
Alfina kniete nieder und legte die Hand dicht über eine der Rinnen. Die Kälte darin ließ Reif über ihre Finger wachsen. »Er bindet ihn. Die Kerzen sind die Anker.«
Der Schwarze Ritter traf Ulrik mit dem Knauf gegen die Brust und schleuderte ihn gegen eine Säule. Stein splitterte. In der Nische schrien die Gefangenen auf.
Milo sah von Alfina zu der Kerze neben seinem Fuß. Er hob die gusseiserne Pfanne.
»Milo, warte –«
Der Schlag ließ Wachs und Funken über den Boden spritzen. Die Flamme erlosch.
Der Ritter erstarrte mitten in der Bewegung. Nur für einen Herzschlag, doch Ulrik nutzte ihn. Seine Axt traf die schwarze Brustplatte und schleuderte den Gegner mehrere Schritte zurück.
»Die Kerzen!«, rief Freddy.
Der Kampf veränderte sich. Leila sprang über den gefallenen Leib eines Skeletts, glitt unter einem rostigen Speer hindurch und trat die zweite Kerze aus ihrer Halterung. Der Docht verlosch im Nebel. Der Wanderer drängte einen Skelettkrieger gegen den letzten Schamanen, durchbohrte beide mit einem Stoß und zog die Klinge quer durch den Sockel der dritten Kerze. Als sie fiel, ging ein Laut durch die Kammer wie Wind, der über ein offenes Grab streicht.
Die Skelette begannen zu schreien. Sie besaßen keine Stimmen, doch der Ton fuhr aus ihren Knochen, hoch und klagend. Ihre Bewegungen wurden unsicher. Einige sanken auf ein Knie und richteten sich ruckartig wieder auf.
Alfina hob beide Hände. Blaues Feuer spannte sich zwischen ihren Fingern, schoss über den Boden und umfloss die vierte Kerze. Das Wachs schmolz in einem einzigen Atemzug; die Flamme sank darin unter.
Der Schwarze Ritter ging auf ein Knie.
Nur die letzte Kerze brannte noch. Sie stand auf der anderen Seite des Kreises. Zwischen Freddy und ihr drängten sich Skelette, und hinter ihnen hob der verbliebene Schamane bereits den Stab zu einem Zauber. Freddy sprang auf einen Steinblock, legte drei Pfeile nacheinander auf die Sehne und schoss. Der erste zerschmetterte den Schädel des vordersten Skeletts. Der zweite traf den Schamanen über dem Herzen.
Für den dritten Schuss blieb nur ein schmaler Weg. Die Skelette standen versetzt, ihre Rippen hoben und senkten sich in einer grotesken Erinnerung an das Atmen. Freddy wartete. Ein Schritt, noch einer – dann lagen die Lücken für den Bruchteil eines Herzschlags in einer Linie.
Die Sehne sang.
Der Pfeil fuhr durch die offenen Brustkörbe der Toten, streifte Knochen, änderte kaum sichtbar seine Bahn und traf den Docht der letzten Kerze. Die Flamme erlosch.
Der Nebel fiel in sich zusammen. Die roten Lichter im Helm des Ritters flackerten, und zum ersten Mal wich er vor Ulrik zurück.
Der Wolfsmann hob die beschädigte Axt. Der Ritter fing den ersten Hieb ab, dann den zweiten. Beim dritten Mal ließ Ulrik die eigene Waffe fallen. Das unerwartete Gewicht, gegen das der Ritter seinen Schlag gesetzt hatte, war plötzlich fort; die Narbenklinge schoss seitlich an Ulrik vorbei. Der Wolfsmann trat in die Bewegung hinein, packte den gepanzerten Arm mit beiden Händen und drehte ihn mit seiner ganzen Kraft gegen das Gelenk.
Metall kreischte. Alte Knochen brachen. Der Panzerhandschuh löste sich mitsamt der verdorrten Hand und dem Schwert aus dem Armzeug.
Der Ritter griff mit der Linken nach seiner verlorenen Waffe. Ulrik war schneller. Er riss die Narbenklinge aus den starren Fingern, umschlang den Gegner mit dem freien Arm und hob ihn vom Boden. Für einen Augenblick lagen Helm und Wolfsgesicht einander so nahe, dass Ulrik direkt in die Dunkelheit hinter dem Visier blickte.
Dann stieß er zu.
Die Klinge drang durch den Sehschlitz. Etwas zerbrach, tiefer im Helm als Knochen oder Metall. Rotes Licht flammte auf und füllte die Ritzen der Rüstung. Der Schwarze Ritter bäumte sich in Ulriks Griff auf. Dann erlosch das Licht.
Die Rüstung fiel auseinander. Brustplatte, Schulterstücke und Helm schlugen scheppernd auf den Boden, als hätte nie etwas in ihnen gesteckt.
Im selben Augenblick zerfielen die Skelette. Der Nebel verschwand, und mit ihm die Kälte. Zurück blieben Knochen, Blut und das harte Atmen der Lebenden.
◆
Lange sprach niemand. Alfina trat schließlich zu Ulrik und betrachtete das Schwert in seiner Hand. Im gewöhnlichen Licht der Fackeln wirkte es wieder beinahe wertlos. Keine Flamme lief über die Schneide, kein Zauberwort erschien auf dem Stahl. Nur die zahllosen Kerben, die feinen Risse und die verblassten Runen blieben.
Alfina strich vorsichtig mit zwei Fingern darüber. Ihr Gesicht veränderte sich.
»Ich kenne diese Zeichen«, sagte sie leise. »Sie sind in sehr alten Chroniken abgebildet. Wenn ich mich nicht irre, ist dieses Schwert älter als das Herrenhaus – vielleicht älter als Valengard.«
Freddy trat näher. »Hat es einen Namen?«
»Narbenklinge.«
Ulrik wog das dunkle Schwert in der Hand. Es war schmaler als seine Axt und für einen anderen Kämpfer geschmiedet, doch es hatte seinem Griff standgehalten, als erkenne es die Kraft, die es führte. Er hob die alte Scheide vom Boden, schob die Klinge hinein und befestigte sie an seinem Gürtel. Niemand widersprach. So fand Narbenklinge nach Jahrhunderten den Weg zurück in die Hände eines Lebenden.
Die Gefangenen lebten. Nicht alle – der Mann im Kreis war tot, und zwei weitere waren ihren Wunden bereits vor der Ankunft der Gefährten erlegen. Die Überlebenden stammten aus Höfen und kleinen Dörfern nördlich des Radagan. Goblinreiter hatten sie zusammengetrieben, manche als Träger, andere für das Ritual.
Milo gab ihnen Wasser und den größten Teil der ohnehin knappen Vorräte. Freddy nannte weder seinen Namen noch ihr Ziel. Er erklärte ihnen nur den Weg zum Fluss und wies sie an, dem Radagan nach Osten zu folgen, die Straßen zu meiden und sich tagsüber im Wald zu verbergen. Einer der älteren Männer betrachtete die dunklen Federn unter Freddys Mantel, als käme ihm der Erpel bekannt vor, doch er stellte keine Frage.
Eine ältere Frau kannte auch den Weg in die entgegengesetzte Richtung. In den bewaldeten Hügeln westlich des Gutes, berichtete sie, liege eine verlassene Brauerei mit einem großen Gasthaus. Einst sei sie weit über die Gegend hinaus berühmt gewesen. Das steile Dach könne man zwischen den Bäumen erkennen, und im Keller entspringe eine Quelle. Wenn die Gefährten weiter zum Spiegelsee wollten, böte der Ort wenigstens für eine Nacht Schutz – sofern Krieg und Plünderer noch etwas von ihm übrig gelassen hatten.
Bei den Goblins fanden sie einige Silberstücke, schlechte Waffen und getrocknetes Fleisch, das selbst Milo nach kurzer Prüfung liegen ließ. Wertvoller war eine Karte, die in einer ledernen Röhre beim Anführer der Späher steckte. Der Wanderer breitete sie am nächsten Morgen auf einem flachen Stein aus. Patrouillenwege, Fährstellen und Lager nördlich des Radagan waren darauf eingezeichnet. Auch das Gut trug ein Zeichen, daneben mehrere orkische Vermerke.
Alfina übersetzte sie. »Der nächste Melder wird erst in vier Tagen erwartet.«
Vier Tage. So lange würde niemand in Mala-Luks Heer wissen, dass die Späher tot waren. Kein Goblin war entkommen, kein Warg und kein Schamane. Ihre Spur nach Norden blieb verborgen.
Freddy faltete die Karte zusammen. »Dann hat sich der Umweg wenigstens gelohnt.«
Leila räusperte sich. »Umweg?«
»Wir ziehen wegen eines erfundenen Metalls in die falsche Richtung.«
»Diamantengold ist nicht erfunden.«
Alfina, die eben ihre Aufzeichnungen verstaute, hob den Blick. In keinem ihrer Werke über arkane Metallurgie, erklärte sie, werde auch nur ein ähnlicher Stoff erwähnt. Leila verschränkte die Arme und erwiderte, dann seien diese Werke offenbar unvollständig. Milo fand das überzeugend. Freddy beschloss, die Angelegenheit vorerst nicht weiterzuverfolgen.
Sie stiegen auf den höchsten Hügel des alten Gutes. Hinter ihnen wand sich der Radagan durch das Land. Weit im Süden war selbst von hier aus noch der Rauch der Heere vor Valengard zu erkennen, ein dunkler Streifen unter dem Morgenhimmel.
Vor ihnen lag der überflutete Wald von Hormus. Jenseits seiner dunklen Wasserflächen breitete sich der Spiegelsee aus, still und blass wie eine gewaltige Scherbe. Dahinter erhoben sich die Berge.
Dort, wo in der Nacht der Stern vom Himmel gefallen war, stieg etwas zwischen den Gipfeln empor. Es war zu schmal für eine gewöhnliche Rauchfahne und zu hell, um aus einem Waldbrand zu stammen: ein silberner Faden, der sich kaum im Wind bewegte und selbst im Tageslicht zu leuchten schien.
Ulrik legte eine Hand auf den Griff der Narbenklinge. Alfina betrachtete lange das ferne Leuchten. Der Wanderer sagte nichts. Milo dachte, seinem Gesicht nach zu urteilen, bereits an Diamantengold. Leila Lichtkralle lächelte.
Freddy stand schweigend neben ihnen. Die Kathedrale der Drachen lag noch immer im Norden, und zwei Teile der Krone warteten darauf, gefunden zu werden. Doch hinter dem Spiegelsee war ein Stern auf die Erde gefallen, und sie waren nicht die Einzigen, die ihn gesehen hatten.
Er seufzte.
Die Suche nach der Drachenkrone war soeben erheblich komplizierter geworden.
Und diesmal ahnte Freddy, dass selbst Leilas erfundenes Metall nur der Anfang sein würde.
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