Der Eid unter den Wurzeln — Band 2, Kapitel 3

Der Eid unter den Wurzeln

Als der Rauch der Brauerei hinter den Bäumen verschwunden war, wurde der Wald allmählich stiller. Anfangs hatte noch das Klopfen eines Spechts die Schritte der Gefährten begleitet, und zwischen den Wurzeln waren Amseln durch das feuchte Laub gehüpft. Weiter westlich jedoch blieben die Vögel aus. Die Buchen standen hier so dicht, dass ihre Kronen selbst das Licht der steigenden Sonne nur in schmalen Streifen auf den Boden ließen. In den Senken hielt sich der Morgennebel, und über dem Geruch von Erde und Pilzen lag jener süßliche Hauch, den keiner von ihnen seit der vergangenen Nacht vergessen konnte.

Der geflohene Troll hatte sich keine Mühe gegeben, seine Spur zu verbergen. Junge Stämme waren geknickt, Dornsträucher ausgerissen und breite Furchen durch den weichen Boden gezogen worden. Wo er sich anfangs noch mit den Händen abgestützt hatte, klebte schwarzes Blut an Steinen und Wurzeln; nach einer Weile wurden die Flecken seltener. Seine Wunden schlossen sich. Gegen Mittag fanden sie einen Hirsch, dessen Hals gebrochen war und dem ein Hinterlauf fehlte.

Milo blieb neben dem Kadaver stehen. »Er hat schon wieder gegessen.«

»Nach einer solchen Nacht bekommt man Hunger«, sagte Freddy.

Der Hobbit sah ihn an.

»Ich billige es nicht«, fügte Freddy hinzu. »Ich stelle nur fest, dass sein Frühstück umfangreicher war als unseres.«

Der Einsame Wanderer untersuchte die Stelle und führte sie weiter. Leila blieb dicht bei ihm, während Ulrik den Blick immer wieder zu den bewachsenen Hängen hob. Unter der frischen Fährte lagen ältere Spuren, und nicht alle stammten von Trollen. Freddy sah die Rinnen von Wagenrädern und tiefe Hufabdrücke, die sich stellenweise quer über den Weg zogen. Ein Stück weiter hing ein zerrissener Lederriemen im Gebüsch. Hier war seit langer Zeit Beute durch den Wald geschleppt worden. Die Trolle hatten sich nicht mit verlassenen Brauereien begnügt.

Die Gefährten kamen langsamer voran, als es Freddy lieb gewesen wäre. Alfina stützte sich an steilen Stellen auf ihren Stab, Ulrik hielt die verletzte Schulter ungewöhnlich ruhig, und Freddy spürte bei jedem tiefen Atemzug den Hieb des Kupferrohrs. Milo trug die lederne Rezeptmappe sicher unter dem Hemd und hob nur gelegentlich den Kopf, wenn aus der Ferne ein dumpfer Laut durch die Bäume drang. Die Aussicht auf ein weiteres Trolllager hatte seinen anfänglichen Eifer gedämpft, nicht aber seinen Entschluss.

Schließlich lichtete sich der Wald. Noch bevor sie zwischen den letzten Stämmen hindurchsehen konnten, hörten sie das aufgeregte Krächzen zahlreicher Krähen. Der Geruch wurde so schwer, dass Milo den Mantel vor Mund und Nase zog. Vor ihnen lag eine breite Lichtung, in deren Mitte sich ein niedriger Hügel erhob. Auf seiner Kuppe standen die Überreste einer Feste: ein schlanker Turm mit zerbrochener Krone, die eingestürzten Fundamente eines zweiten und ein Ring aus Mauern, über die Efeu und junge Birken gewachsen waren. Zwischen den Wurzeln einer mächtigen Esche lag das Tor im Schatten.

Um den Hügel verrotteten ganze Fuhrwerke. Ein Pferdegespann lag noch im Geschirr vor einem umgestürzten Wagen; daneben standen die Rippen eines Rindes weiß aus dem hohen Gras. Aufgerissene Ballen, zerbrochene Fässer und verstreute Kleidungsstücke bedeckten den Boden. Die Krähen stritten sich auf den Kadavern und flogen nur widerwillig auf. An einer Deichsel hing ein kleiner geflochtener Schuh. Freddy betrachtete ihn einen Augenblick, bevor er neben dem Wanderer in die Hocke ging.

»Wie viele?«

Der Elf antwortete nicht. Seine Aufmerksamkeit galt einem behauenen Stein, der halb im Wurzelwerk einer Buche steckte. Mit dem Daumen schob er das Moos beiseite, bis darunter ein siebenstrahliger Stern zum Vorschein kam. Eine schmale Linie umgab ihn wie der Bogen eines Tores. Der Wanderer strich die letzten Erdreste aus der Vertiefung und hob langsam den Kopf. Sein Blick glitt über die Ruine, verweilte an den hohen Fenstern des Turms und folgte den kaum sichtbaren Säulen zu beiden Seiten des Eingangs.

»Der nördliche Hochsitz«, sagte er.

Alfina trat näher. »Du kennst diesen Ort?«

»Ich kenne seine Beschreibung. Zwei Türme über einer Quelle, eine Esche zwischen den Toren.« Er legte die Hand auf den Stern. »Der verlorene Palast der Hochelfen von Nordvalanor.«

Freddy blickte von dem Zeichen zu den zerbrochenen Wagen. Unter dem Efeu erkannte er nun ebenfalls eine Sorgfalt im Mauerwerk, die nicht zu einem gewöhnlichen Wachturm passte. Was er für verwitterte Risse gehalten hatte, waren Reste feiner Ornamente.

»Und niemand wusste, wo er liegt?«

»Seit vielen Menschenaltern nicht. Manche Überlieferungen berichten von einer Belagerung. Andere sagen, der Berg habe seine Hallen verschlungen.«

Milo sah zu den Knochen im Gras. »Die Trolle haben ihn offenbar gefunden.«

Der Wanderer strich noch einmal über das Zeichen. »Sie wissen nicht, was sie gefunden haben.«

Der verlorene Hochsitz

Leila legte ihm eine Hand auf den Arm. Am Tor hatte sich etwas bewegt. Drei Wargs traten aus dem Schatten, auf ihren Rücken Orks in dunklen Schuppenpanzern. Einer hielt eine gerollte Botschaft, während ein anderer sich zu dem Troll umwandte, der ihnen bis an den Ausgang gefolgt war. An den ungleich nachgewachsenen Zähnen erkannte Milo den Flüchtling aus der Brauerei. Das Wesen gestikulierte heftig und deutete mehrfach nach Osten. Auf dem Oberarm des zuhörenden Orks saß dasselbe Zeichen, das die Gefährten auf den Befehlen im besetzten Gut gefunden hatten.

»Mala-Luks Leute«, flüsterte Alfina.

Der Wanderer hatte bereits einen Pfeil auf der Sehne. »Er erzählt ihnen von uns.«

Freddy sah die drei Wargs, den schmalen Weg hinter ihnen und die kurze Entfernung bis zum Wald. Die Orks mussten die Gefährten nicht selbst entdecken. Es genügte, dass sie den Bericht des Trolls weitertrugen. Er griff nach seinem Bogen, doch der erste Pfeil des Wanderers flog bereits.

Er traf den Mann mit der Botschaft unter dem Kinn. Fast gleichzeitig schoss Leila auf den zweiten Reiter und warf ihn seitwärts aus dem Sattel. Der dritte Warg sprang gegen einen umgestürzten Wagen, dessen aufgerichtete Ladefläche ihn verbarg. Freddy zielte auf die Lücke zwischen Holz und Mauer; sein Pfeil schlug in eine Strebe. Als das Tier wieder zum Vorschein kam, lag der Reiter flach auf seinem Rücken. Leilas nächster Schuss streifte seine Schulter. Der Ork zuckte zusammen, hielt sich jedoch fest, und wenige Herzschläge später verschluckten ihn die Bäume.

Am Tor brach ein wütendes Brüllen los. Der Troll verschwand im Inneren, schwere Balken wurden über Stein gezogen, und hinter den Mauern antworteten weitere Stimmen. Der Wanderer senkte den Bogen.

»Der eine genügt«, sagte Leila.

»Ja.« Der Elf sah auf den leeren Waldweg. »Jetzt bringt er Gewissheit mit.«

Freddy schob einen neuen Pfeil unter die Hand. »Dann sollten wir erfahren, was ihre Boten hier wollten, bevor sie mit der Antwort zurückkommen.«

◆

An der Nordseite reichten die Bäume beinahe bis an die Mauer. Leila und der Wanderer verschwanden zwischen den Wagenwracks, um den Hang zu erkunden. Als der Elf wenig später hinter einem halb versunkenen Mauerstück die Hand hob, folgten Alfina und Ulrik. Unter einer eingestürzten Außentreppe hatte sich ein schmaler Durchlass erhalten, kaum hoch genug für einen Menschen und vollständig von Brombeerranken verdeckt. Freddy und Milo blieben auf der Westseite zurück.

»Du gehst zum Tor«, stellte Milo fest.

»Ich werde um Einlass bitten.«

»Sie werden dich fressen wollen.«

Freddy prüfte den Sitz seines Jagdmessers. »Dann haben wir immerhin einen Gesprächsgegenstand.«

Er trat auf den alten Fahrweg und blieb in sicherer Entfernung stehen. Über der Brüstung erhob sich ein gewaltiger Kopf. Der Troll war breiter als die Angreifer der vergangenen Nacht und trug einen zerbeulten Brustpanzer, der ihm kaum bis unter die Rippen reichte. Zwei Menschenschilde hingen an Ketten über seinen Schultern. In der Hand hielt er einen Balken mit rostigen Eisenbändern, den er drohend auf die Mauer schlug.

Freddy wartete, bis das Echo verklungen war. »Ich wünsche den Hausherrn zu sprechen.«

»Ich Hausherr!«

»Ausgezeichnet. Dann ersparen wir uns die Dienerschaft. Einer eurer Bewohner hat gestern fremdes Eigentum zerstört und sich entfernt, ohne die Rechnung zu begleichen.«

Hinter dem Häuptling tauchten zwei weitere Köpfe auf. Einer der Wächter hielt einen Mühlstein vor der Brust; der andere sah immer wieder in den Hof hinunter. Schließlich erschien auch der Troll mit den nachgewachsenen Zähnen. Kaum erkannte er Freddy, stieß er einen erschrockenen Laut aus und zog sich hinter die anderen zurück.

Es waren vier, und sie hatten Angst. Freddy sah es daran, wie der Häuptling den Balken umklammerte, und daran, dass keiner von ihnen Anstalten machte, das Tor zu öffnen.

»Hier hundert Trolle!«, brüllte der Häuptling.

Freddy betrachtete die Ruine. »Dann muss es beim Frühstück eng zugehen.«

»Hundert! Und Drache!«

»Ein Drache?«

Der Troll überlegte kurz. »Sehr großer Drache.«

»Dann würde ich gern zunächst mit ihm sprechen. Nach gestern halte ich fachkundigen Rat über Feuer für angebracht.«

Der Flüchtling wich noch weiter zurück. Milo beobachtete unterdessen den oberen Rand der Mauer. Zwischen den Efeublättern bewegte sich ein Schatten. Freddy hatte ihn ebenfalls bemerkt, ließ sich jedoch nichts anmerken und begann, die Schäden an der Brauerei aufzuzählen. Beim Gärbottich geriet er in eine Genauigkeit, die selbst Milo beeindruckte.

Freddy bittet um Einlass

Der Häuptling unterbrach ihn mit einem Schlag auf die Brüstung. »Orks kommen. Holen dich!«

»Deshalb waren die Reiter hier?«

»Schon unterwegs!«, platzte der Flüchtling heraus.

Der Häuptling fuhr herum und schlug nach ihm. Freddy nutzte den Augenblick, um einen Blick über die Mauer zu werfen. Der Schatten zwischen den Blättern war verschwunden.

»Dann haben wir beide wenig Zeit«, sagte er.

Ein kurzes weißes Aufleuchten beendete die Verhandlung. Alfinas Zauber blendete die Wächter, und im selben Augenblick erschien Leila auf dem inneren Wehrgang. Ihr Pfeil durchbohrte die Hand des Trolls mit dem Mühlstein. Er ließ seine Last fallen; der Stein zerschmetterte die morsche Treppe und riss den zweiten Wächter mit in den Hof. Der Wanderer löste inzwischen den Torbalken. Als die Flügel aufschwangen, drängten Freddy und Milo hinein und fanden Ulrik bereits im Kampf mit dem Häuptling.

Die Trolle hatten sich mit ihrer eigenen Barrikade den Platz zum Kämpfen genommen. Wagenholz lag quer im Hof, Reisigbündel und geraubte Felle häuften sich unter dem Wehrgang. Ulrik hielt den Häuptling zwischen einem alten Brunnen und der Mauer fest, während Narbenklinge tiefe Schnitte in dessen Arme zog. Leila und der Wanderer zielten auf Augen und Knie. Freddy trieb den Flüchtling unter die zerbrochene Treppe zurück. Jeder Treffer verschaffte ihnen nur wenige Augenblicke; schon begann sich das graugrüne Fleisch um die Pfeilschäfte zu schließen.

Milo entdeckte mehrere Pechkrüge neben einem Stapel grober Fackeln. Er zerschlug den ersten auf den Reisigbündeln und rollte den zweiten unter die Treppe. Alfina brauchte diesmal kein großes Feuer zu beschwören. Eine schmale Flamme genügte, und die trockenen Zweige entzündeten sich mit einem Fauchen. Rauch quoll zwischen den Balken empor. Der Häuptling holte zu einem Schlag aus, der Ulrik gegen die Brunnenmauer geschleudert hätte, doch der Wolfsmann wich unter der Keule hindurch und trieb ihn rückwärts. Freddys Pfeil traf das offene Maul, der des Wanderers die Kniekehle. Als das Wesen stürzte, riss es den brennenden Rest des Wehrgangs über sich herab.

Feuer im Trollhof

Der eigentliche Kampf war rasch vorüber. Länger dauerte es, sicherzugehen, dass keiner der Trolle wieder aufstand. Während Leila die Waldwege beobachtete, schoben die anderen brennende Balken zusammen und häuften weiteres Holz darauf. Noch zweimal regte sich etwas unter den verkohlten Leibern. Erst als auch diese Bewegungen aufhörten, wandten sie sich dem übrigen Hof zu. Über der Feste stand inzwischen eine dunkle Rauchsäule, die weit über den Baumkronen zu sehen sein musste.

Freddy betrachtete sie mit Unbehagen. »Jetzt brauchen sie nicht einmal mehr einen Wegweiser.«

»Wir sollten uns beeilen«, sagte der Wanderer.

»Das wollte ich weniger beunruhigend ausdrücken.«

Unter dem Turm lag das eigentliche Lager. Die Trolle hatten den Eingang eines alten Kellers zu einem breiten Loch erweitert und die steinernen Bänke mit schlecht abgezogenen Fellen bedeckt. Zwischen Knochen und zerdrückten Körben lagen ein Jagdhorn, eine Messingwaage, einzelne Stiefel und ein Buch über Zimmermannsarbeiten, dessen Seiten angenagt waren. Milo hob es auf und betrachtete die Zahnspuren.

»Sie haben versucht, sich fortzubilden.«

»Offenbar war der Stoff schwer verdaulich«, sagte Freddy.

Unter einem zerrissenen Sattel fand er eine kleine hölzerne Truhe mit zwei Eisenbändern. Das Schloss war eingeschlagen, doch die Bretter waren fest. Darin lagen einige Münzen, zu denen Milo weitere aus den Fellen und einem verbeulten Helm hinzufügte. Am Ende waren es zweiundachtzig Goldstücke und ein zweifelhafter Klumpen, den der Hobbit nach längerer Untersuchung enttäuscht beiseitelegte.

Wichtiger war eine beschriftete Tafel, die der Wanderer zwischen Vorratssäcken hervorzog. Alfina entzifferte die orkischen Kerbzeichen. Die Trolle sollten die Waldwege beobachten und Flüchtlinge abliefern, ebenso Reisende, auf die bestimmte Beschreibungen zutrafen. Ein Erpel wurde erwähnt, ein Elf und zwei Gestalten aus dem Katzen- und Wolfsvolk. Für lebende Gefangene war eine höhere Belohnung ausgesetzt.

»Wenigstens schätzt man uns«, sagte Freddy.

»Mich haben sie vergessen«, bemerkte Milo.

»Sei dankbar.«

»Ich wollte nur feststellen, dass ihre Kundschafter nachlässig arbeiten.«

Alfina legte die Tafel ab. Die Trolle hatten also bereits vor dem Angriff auf die Brauerei mit Mala-Luks Heer in Verbindung gestanden. Sie waren Teil eines Netzes, das sich über die nördlichen Wege spannte, und der entkommene Bote wusste nun, wo er nach den Gesuchten suchen musste.

Freddy stellte die Truhe beiseite, um hinter einem Fell nach weiterem Papier zu sehen. Dabei bemerkte er einen kühlen Luftzug. Gemeinsam mit Ulrik zog er das Fell von der Wand und legte eine schmale Tür frei, deren dunkles Holz tiefe Kratzer trug. Ihr Rahmen saß im gewachsenen Fels. Auf einem silbernen Beschlag erkannte der Wanderer denselben siebenstrahligen Stern wie am Rand der Lichtung. Hinter der Tür knickte ein enger Gang sofort nach rechts ab; selbst Ulrik musste die Waffen ablegen, um seitwärts hindurchzukommen.

»Für Trolle zu schmal«, sagte Leila.

»Eine Eigenschaft, die ich an Gebäuden zunehmend schätze«, erwiderte Freddy.

Eine Treppe führte in die Tiefe. Schon nach wenigen Stufen endete der Gestank des Lagers, und Alfinas Licht fiel auf eine gleichmäßige Schicht Staub. Keine Spur verlief darin. Der Wanderer las die Zeichen an der Wand: Es war der Zugang der Quellenhüter, ein Nebeneingang in den Palast. Ob unten ein weiterer Ausgang lag, konnte er nicht sagen. Doch der Gang ließ sich verteidigen, und die unberührten Stufen machten deutlich, dass die Trolle nie erfahren hatten, was sie bewachten. Die Gefährten verhängten die Tür wieder und stiegen hinab. Freddy nahm die kleine Truhe mit.

◆

Die Treppe endete vor einem Gefängnis. Auf beiden Seiten des Ganges lagen Zellen, verschlossen mit Gittern aus kunstvoll geschmiedetem Eisen. Dahinter fanden sie die Toten. Einer saß an der Wand, die Hände auf den Knien, als habe er sich zu geduldigem Warten entschlossen. Ein anderer lag unmittelbar am Ausgang seiner Zelle. Zwischen seinen Fingern steckte der Rest eines hölzernen Löffels, und an der Wand darüber standen eingeritzte Striche in so dichten Reihen, dass die letzten kaum noch voneinander zu unterscheiden waren.

Leila blieb bei ihm stehen, während der Wanderer am Gangende eine beschriftete Tafel freilegte. Die Namen darauf gehörten keinem besiegten Heer. Eine Schreiberin war verzeichnet, zwei Wächter und ein Mann, dessen Amt die Zeit unlesbar gemacht hatte. Bei allen stand dieselbe Verfehlung: Sie hatten verlangt, den Hochsitz verlassen zu dürfen.

Milo sah von der Tafel zu den verschlossenen Zellen. »Weshalb sperrt man Leute ein, die gehen wollen?«

»Vielleicht wussten sie etwas, das niemand hinaustragen durfte«, sagte Alfina.

Leila betrachtete den Löffel zwischen den Knochen. »Dann hat das Geheimnis länger gelebt als sie.«

Hinter dem Gefängnis öffnete sich der Gang zu einer Halle, deren Größe im ersten Licht kaum zu erfassen war. Schlanke Säulen trugen eine hohe Decke. Zwischen ihren Bögen waren winzige Kristalle eingelassen, die auf Alfinas Zauber antworteten und über den Gefährten einen stillen Sternenhimmel entzündeten. Der Boden bestand aus weißem und dunkelgrünem Stein, gelegt in verschlungenen Mustern, die von der Mitte zu den Türen führten. Goldene Blätter zierten die Kapitelle, und an den Wänden standen hohe Schränke mit unversehrten Verschlüssen.

Hier hatte niemand geplündert. Unter einer dicken Staubschicht standen lange Tische, auf denen noch Schalen, Messer und schlanke Krüge lagen. Ein Stuhl war zurückgeschoben, als wäre sein Besitzer nur kurz aufgestanden. Verblasste Wandbehänge zeigten Wälder und Küsten, über deren Wasser Schiffe mit weißen Segeln glitten. In einer Nische lehnte eine Harfe. Die meisten ihrer Saiten waren gerissen, doch zwei spannten sich noch zwischen Hals und Klangkörper. Freddy blieb davor stehen. Er hatte viele verlassene Orte gesehen; selten war ihm das Leben ihrer Bewohner so nah erschienen.

Der Wanderer betrachtete die Schrift hinter dem Instrument. Silberne Buchstaben liefen über die Wand, begleitet von schmalen Zeichen, die Freddy zunächst für Schmuck hielt. Als der Elf die ersten Zeilen halblaut las, erkannte er die Weise, die sein Gefährte gelegentlich am Feuer gesummt hatte.

»Das Lied kenne ich«, sagte Freddy.

»Du kennst das Ende.«

»Du hast nie mehr davon gesungen.«

Der Wanderer strich mit den Fingerspitzen unter einer Zeile entlang. »Mehr ist nicht überliefert.«

Freddy sah auf die lange Folge silberner Zeichen. »Bis jetzt.«

Der Elf nickte und las weiter. Freddy dachte an den Reiter und die Rauchsäule, ließ ihn jedoch ausreden.

Das wiedergefundene Lied

Weiter hinten fanden sie die großen Tore. Der ehemalige Aufgang lag unter einer Wand aus Fels und uraltem Schutt. Wurzeln hatten sich durch die Fugen gezwängt und waren so stark geworden, dass sie Steinplatten auseinanderdrückten. Neben dem Tor stand ein Wachtisch mit einem leeren Wasserkrug. Es gab keine eingeschlagenen Schilde, keine Waffen, keine Brandspuren. Die Zerstörung lag außerhalb der Hallen, während im Inneren alles an seinem Platz geblieben war. Der Wanderer prüfte den Schutt und schüttelte den Kopf. Durch diesen Aufgang würden sie den Palast nicht verlassen können.

Das Rauschen von Wasser führte sie tiefer in den Berg. Hinter einem Bogen aus dunklem Stein lag ein Heiligtum, dessen Mitte ein großes rundes Becken einnahm. Hoch darüber entsprang eine Quelle einer Felsspalte und fiel als schmaler Schleier ins Wasser. Auf der gegenüberliegenden Seite stand die Statue einer Frau mit geöffneten Händen. Über ihre Finger liefen kleine Rinnsale, sammelten sich in steinernen Blättern und kehrten ins Becken zurück. Feuchtigkeit hatte die Gesichtszüge geglättet, doch die behutsame Haltung war erhalten geblieben. Zwischen den Bodenplatten wuchs ein blasses Grün, und tief im Wasser lag ein Licht, das nicht von Alfinas Stab stammte.

Milo kniete bereits am Rand, als die Magierin ihn zurückhielt. Sie prüfte das Wasser, bevor sie ihm erlaubte zu trinken.

»Sauber«, sagte sie schließlich.

»Und der Schimmer?«, fragte Freddy.

»Keine Gefahr, soweit ich es erkennen kann.«

Er zog den silbernen Probierbecher aus der Brauerei hervor. »Das genügt mir inzwischen als Empfehlung.«

Das Wasser war so kalt, dass ihm die Zähne schmerzten, doch es nahm den Staub aus der Kehle. Er reichte den Becher weiter. Für eine Weile hörten sie nur den Wasserfall und das Atmen der anderen. Leila folgte unterdessen den Wänden. Hinter einem Schleier aus Kalk und Feuchtigkeit entdeckte sie die ersten Bilder.

◆

Ein Drache lag auf einem Berggipfel, die Flügel über das ganze Gewölbe ausgebreitet. Vor seinen Klauen ruhte eine Krone. Im nächsten Bild war sie in vier Stücke geteilt, und vier Herrscher knieten vor ihm, jeder mit dem Zeichen seines Reiches über dem Haupt. Die Farben waren verblasst, doch einzelne Linien zeichneten sich deutlich ab. Freddy erkannte den gezackten Rand eines Kronenstücks, bevor er das Gesicht des Mannes betrachtete, der es entgegennahm.

Es war der König aus dem Reich der Toten, dargestellt in einer Zeit, als er noch ein Mensch gewesen war. Seine Züge wirkten schmal und ernst. Nichts erinnerte an das Wesen unter den Sümpfen, doch das Herrschaftszeichen und die Form des Artefakts ließen keinen Zweifel. Neben ihm kniete eine Zwergenkönigin. Milo sprach Bothilds Namen so leise aus, als könnte die Erinnerung an sie den Raum verändern. Die beiden übrigen Gestalten waren weitgehend ausgewaschen. Von einer blieb eine erhobene Hand, von der anderen der Saum eines Gewandes. Wasser hatte ihre Namen aus dem Stein gelöst.

»Vier Hände sollen tragen, was eine allein nicht bewahren kann«, las der Wanderer.

Alfina hob ihr Licht. Die Krone war geteilt und ihre Stücke vier Herrschern Valanors übergeben worden, damit keiner die ganze Macht für sich beanspruchen konnte. Jeder hatte geschworen, seinen Teil zu hüten. Freddy dachte an die beiden Fragmente in Valengard und an ihre früheren Bewahrer: an den König, der auch im Tod nicht hatte loslassen können, und an Bothild, deren Geist durch die Hallen ihres untergegangenen Reiches gewandert war.

Unterhalb der vier Herrscher kniete eine fünfte Gestalt, ein Elf ohne Krone. Vor ihm lag eine Schriftrolle, auf der vier Wege zusammenliefen. Neben seinem Kopf stand ein Name, den die Feuchtigkeit verschont hatte: Aelvar, Hüter der Wege und Herr des nördlichen Hochsitzes.

»Der fünfte Träger?«, fragte Milo.

Der Wanderer schüttelte den Kopf. »Er bekam kein Stück. Er bewahrte das Wissen, wohin die anderen gebracht worden waren.«

»Damit man sie wiederfinden konnte«, sagte Freddy.

»Wenn die Zeit dafür kam.«

»Ich hoffe, darüber gibt es ebenfalls eine Inschrift.«

Die Bilder setzten sich an der nächsten Wand fort, doch ihr Charakter veränderte sich. Auf die feierlichen Darstellungen folgten schlichtere Berichte: Boten vor verschlossenen Toren, leere Sitze in einer Ratsversammlung, bewaffnete Wächter, die Männer und Frauen aus einer Halle führten. Spätere Einträge waren hastig zwischen ältere Zeilen gesetzt worden. Alfina entzifferte Anordnungen über Vorräte, die Schließung von Ausgängen und das Verbot, den Hochsitz zu verlassen. Immer wieder wurde auf denselben Eid verwiesen. Das Geheimnis der vier Wege durfte den Feinden Valanors nicht in die Hände fallen.

Mit jeder lesbaren Zeile wurde deutlicher, was unter dem Berg geschehen war. Die Hüter hatten ihre Verbindungen zur Außenwelt eingeschränkt, dann abgebrochen. Wer gehen wollte, galt als Gefahr. Aus Vorsicht war Misstrauen geworden, bis sich der Palast in ein Gefängnis verwandelt hatte. Freddy blickte zur Halle zurück, zu den gedeckten Tischen und den staubigen Sternen. Die Bewohner hatten die Tore geschlossen gehalten, bis niemand mehr übrig gewesen war, der sie hätte öffnen können.

»Drei Reiche«, sagte Leila. »Und überall Tote, die ihre Pflicht nicht ablegen konnten.«

»Ist es die Krone?«, fragte Milo. »Ein Fluch?«

Alfina betrachtete die Inschrift am Sockel der Statue. »Vielleicht. Vielleicht auch das, was sie aus ihren Bewahrern macht. Wer jeden Zweifel für Verrat hält, braucht irgendwann keinen Feind mehr, der die Tore verschließt.«

Der Wanderer las die letzten Zeilen. Aelvars Leib möge ruhen, während seine Wacht fortdauere, bis die anvertrauten Wege wieder gebraucht würden. Es klang wie ein Segen. Nach dem, was sie gesehen hatten, war Freddy nicht sicher, ob die Bewohner des Hochsitzes einen Unterschied zwischen Segen und Verurteilung erkannt hatten.

»Und wer sollte ihm sagen, wann es so weit war?«, fragte Leila.

Darauf fanden sie keine Antwort.

Die vier Hüter der Drachenkrone

Das Grab lag auf der anderen Seite des Heiligtums. Eine Steintür verschloss den Zugang, eingerahmt von zwei Reliefs: dem Drachen und einem Elf, der eine Schriftrolle an die Brust hielt. Unter Aelvars Namen standen Worte, die der Wanderer zweimal las, bevor er sie übersetzte.

»Was den dritten Träger birgt, steht auf dem Blatt an meiner Seite. Kein Stein soll seinen Namen tragen.«

Freddy trat näher. Seit sie Valengard verlassen hatten, waren sie einer Hoffnung gefolgt. Hier lag zum ersten Mal ein greifbarer Hinweis auf eines der fehlenden Kronenstücke.

»Dann müssen wir dieses Blatt holen.«

Der Wanderer sah ihn an. »Er hat es mit ins Grab genommen.«

»Das habe ich verstanden.«

»Hast du auch verstanden, was du verlangst?«

Freddy antwortete nicht sofort. Leila stand dicht beim Eingang und lauschte, obwohl hinter dem Stein kein Geräusch zu hören war. Auch Freddy empfand eine fremde Aufmerksamkeit, zunächst nur wie das unangenehme Bewusstsein, beobachtet zu werden. Dann wurde daraus die Gewissheit, dass etwas hinter der Tür ihre Anwesenheit längst bemerkt hatte.

»Hier ist jemand«, sagte Leila.

Alfina hielt die Hand über den Stein. »Der Eid besteht noch.«

Milo trat unauffällig einen Schritt zurück. »Dann könnten wir zuerst fragen.«

Der Wanderer sprach einige Worte in seiner Sprache. Sie warteten. Nur das Wasser rauschte hinter ihnen weiter.

»Ich fürchte, er empfängt nicht«, murmelte Freddy. Als der Elf sich umwandte, verging ihm der Versuch eines Lächelns. »Ich weiß, was wir hier tun. Aber ich weiß auch, wer in Valengard darauf wartet, dass wir etwas finden.«

»Das macht jedes Grab zu einer erlaubten Beute, wenn man nur dringend genug etwas braucht.«

»Nein«, erwiderte Freddy. »Aber an diesem Grab steht, dass darin der Weg zu dem liegt, wofür unsere Freunde sterben. Ich habe mir die Inschrift nicht ausgedacht.«

Eine Weile sagte niemand etwas. Schließlich trat Leila neben den Wanderer. »Wir können den Toten ihre Ruhe lassen. Dann müssen wir mit dem leben, was es die anderen kostet.«

Der Elf blickte zur Steintür. Freddy wartete, ohne weiter auf ihn einzureden.

»Wir nehmen das Wissen«, sagte der Wanderer endlich. »Seinen Leib lassen wir ruhen.«

◆

Das Schloss lag hinter einer runden Öffnung in der Steintür. Alfina führte einen dünnen Lichtfaden hinein und machte mehrere versetzte Stifte sichtbar, die tief im Inneren eine gebogene Führung umgaben. Der passende Schlüssel musste lang und schmal gewesen sein. Die Tür aufzubrechen hätte Zeit gekostet und einen Lärm verursacht, der womöglich bis ins Trolllager hinaufgedrungen wäre. Während Freddy nach einer anderen Möglichkeit suchte, zog Ulrik einen weißen, leicht gekrümmten Gegenstand aus seinem Beutel.

Freddy erkannte den Zahn der Weißen Schlange. »Den trägst du immer noch mit dir herum?«

Ulrik hielt ihn neben die Öffnung. »Er ist hart.«

»Das weiß ich. Ich habe gesehen, wozu der Rest des Gebisses fähig war.«

»Und ungefähr richtig geformt.«

Alfina blickte vom Zahn zum Schloss. »Ungefähr reicht hier nicht.«

Der Wolfsmann setzte sich auf eine Stufe und zog sein Messer. »Dann muss ich ihn ändern.«

Weiße Späne fielen zwischen seine Stiefel. Er schnitt eine kleine Kerbe, verglich die Form mit den Schatten im Schloss und nahm an einer anderen Stelle etwas Material weg. Alfina hielt das Licht, wenn auch mit dem Ausdruck einer Gelehrten, die einem Stein beim Versuch zusah, fliegen zu lernen.

Milo hockte sich neben Ulrik. »Hast du schon einmal einen Schlüssel angefertigt?«

»Nein.«

»Ein Schloss geöffnet?«

Ulrik nickte.

Freddy sah auf die Axt an seinem Rücken. »Ich vermute, die Tür war danach nicht mehr zu gebrauchen.«

Der Wolfsmann prüfte die Spitze des Zahns, ohne zu antworten.

Beim ersten Versuch bewegte sich nichts. Ulrik zog den Zahn heraus, betrachtete die Druckstellen und schabte eine Erhebung ab. Dann führte er ihn erneut ein und drehte vorsichtig. Ein Klicken erklang, gefolgt von einem tieferen Laut im Mauerwerk. Als sich die Tür einen Fingerbreit bewegte, beugte Alfina sich unwillkürlich vor.

Milo starrte auf das Schloss. »Das hätte ich gern vorher gewusst.«

»Was?«, fragte Freddy.

»Dass so etwas geht. Ich hätte mehr Zähne mitgenommen.«

Ulrik zog den Zahn heraus. Die Spitze war abgebrochen, und ein feiner Riss lief durch den Schaft. »Hat gereicht.«

Alfina sah noch immer in die Öffnung. »Ich würde gern verstehen, weshalb.«

»Du kannst es unterwegs erforschen«, sagte Freddy. »Im Augenblick möchte ich den Irrtum des Schlosses nicht berichtigen.«

Ulrik und der Irrtum des Schlosses

Hinter der Tür lag eine gewölbte Grabkammer. Zwei Sarkophage standen unter einem steinernen Baum, dessen Zweige sich über die Decke ausbreiteten. Der kleinere war seitlich in einer Nische aufgestellt, der größere ruhte auf drei Stufen in der Mitte. Sein Deckel zeigte Aelvar mit geschlossenen Augen und den Händen über dem Schaft einer langen Waffe. An den Wänden standen Truhen und flache Schalen, in denen Gold, Perlen und geschliffene Steine unter dichtem Staub lagen. Weiter hinten stapelten sich schmale Barren neben silbernen Gefäßen.

Milo blieb so unvermittelt stehen, dass Freddy gegen ihn stieß.

»Ich sehe es«, flüsterte der Erpel.

»Ich habe nichts gesagt.«

»Sehr laut sogar.«

Die Kälte kam, als der Wanderer Aelvars Namen aussprach. Er verneigte sich und erklärte in der Sprache seines Volkes, weshalb sie gekommen waren. Zwischen den Wänden begann ein Flüstern, zunächst kaum vom Rauschen der Quelle zu unterscheiden. Dann erkannte Freddy wiederkehrende Laute: derselbe Satz, immer wieder gesprochen, bis seine Echos übereinanderlagen. Auf dem staubigen Boden entstand ein Fußabdruck, obwohl niemand dort stand. Ein zweiter folgte näher am Sarkophag.

»Niemand trägt den Weg hinaus«, übersetzte der Wanderer leise.

Alfina warnte, die Tür sei nur das äußere Siegel gewesen; die eigentliche Bindung liege um das Grab. Freddy betrachtete den Deckel. Er hätte sich gern eingeredet, dass sie eine andere Möglichkeit übersehen hatten. Doch die Wandbilder enthielten keinen Ort, und die Inschrift hatte das Blatt ausdrücklich dem Toten anvertraut.

»Wir sind nicht wegen deiner Ruhe gekommen«, sagte er in den leeren Raum. »Aber wir können auch nicht ohne das Wissen gehen.«

Dann legte er die Hände an den Stein. Ulrik trat neben ihn, und gemeinsam verschoben sie den Deckel.

Der Spalt war kaum handbreit, als das Flüstern abbrach. Über dem Sarkophag sammelte sich bleiches Licht und nahm Gestalt an: Schultern, ein Helm, gepanzerte Arme. Durchsichtige Platten legten sich zu einer Rüstung zusammen, deren Verzierungen den Blättern des steinernen Baumes glichen. Ein zerrissener Mantel schwebte hinter dem Krieger, und in seinen Händen erschien eine schwere Kriegsgleve mit breiter silberner Schneide. Freddy konnte durch die Brust der Gestalt hindurchsehen. Als sie die Waffe hob, hatte er gerade noch Zeit zu begreifen, dass ihre Durchsichtigkeit sie nicht harmlos machte.

Ulrik riss ihn zurück. Die Gleve traf den Sarkophag und sprengte ein Stück Stein heraus. Leila sprang zur Seite und hob den Bogen, doch der Wanderer stellte sich mit erhobener Hand zwischen die Gefährten und den Geist. Wieder nannte er Aelvars Namen. Seine Stimme war fest, und obwohl Freddy die Worte nicht verstand, hörte er darin die Achtung eines Soldaten vor einem anderen. Der Krieger hielt inne. Hinter dem Visier erschien ein Gesicht, schmal und erschöpft, dessen Blick aus großer Ferne zu kommen schien.

Dann setzte das Flüstern erneut ein. Der Ausdruck verschwand, das Visier schloss sich, und die Gleve fuhr gegen Ulrik. Narbenklinge fing den Hieb ab. Ein hoher Ton erfüllte das Gewölbe, während Reif über das dunkle Eisen und die Finger des Wolfsmannes kroch. Leilas Pfeil durchdrang die Brust des Kriegers und zerbrach an der Wand dahinter. Freddy wartete, bis die Waffe zum nächsten Schlag niederfuhr, und schoss auf die führende Hand. Weißes Licht sprühte aus dem Gelenk; zwei Finger lösten sich in Nebel auf und bildeten sich neu.

»Beim Zuschlagen wird er fest!«, rief Freddy.

Alfina senkte ihren Stab gegen den Boden. Sternenlicht breitete sich über die Stufen aus, erfasste die Rüstung und hielt ihre Umrisse für einen kurzen Augenblick zusammen. Ulrik schlug nach der Schulter. Narbenklinge drang ein, und ein dumpfer Laut kam aus dem Helm. Doch als der Wolfsmann erneut ausholte, stieß der Geist das hintere Ende der Gleve durch seine Brust. Es floss kein Blut. Ulriks Atem stockte, seine Knie gaben nach, und sein Blick verlor für einen entsetzlichen Moment jeden Halt.

Leila zog ihn aus der Bahn der zurückkehrenden Schneide. Die Waffe streifte ihren Mantel und hinterließ einen weißen Saum, der unter ihren Fingern zu Staub zerfiel. Milo zerrte Freddy hinter den kleineren Sarkophag, während der Wanderer den nächsten Angriff ablenkte. Wo die Gleve vorbeifuhr, erlosch das Licht ihrer Lampe beinahe. Dennoch bemerkte Freddy, dass der Krieger sie nicht bis zur Tür verfolgte. Immer wieder kehrte er zum geöffneten Grab zurück.

»Er schützt das Blatt«, sagte Freddy.

»Das tut er gründlich«, keuchte Milo.

Der Wanderer ging einen Schritt vor. In der alten Sprache berichtete er vom Untergang der Tore, von den Gefangenen, die niemand befreit hatte, und davon, dass draußen noch immer um Valanor gekämpft wurde. Das Gesicht erschien abermals hinter dem Visier. Aelvar schien zuzuhören, doch das Flüstern an den Wänden schwoll an, als müsse es die Stimme des Elfen übertönen.

»Wir tragen denselben Auftrag«, sagte der Wanderer, diesmal in der gemeinsamen Sprache. »Du hältst uns davon ab, ihn zu erfüllen.«

Der Geist hob die Waffe.

Alfinas Licht begann zu zittern. »Ich kann ihn nicht länger binden.«

Freddy verständigte Leila mit einem Blick. Als der Wanderer sich dem Sarkophag noch einen Schritt näherte, holte der Geist mit beiden Händen aus. Die Pfeile lösten sich fast gleichzeitig. Sie trafen die gepanzerten Finger in dem Augenblick, als die Gleve Gewicht gewann, und rissen die Arme auseinander. Milo warf sich gegen den Wanderer und zog ihn aus der Schlagbahn, während Alfina ihre letzte Kraft in das Licht legte.

Ulrik kam auf die Füße. Er trat unter die erhobene Gleve und führte Narbenklinge mit beiden Händen quer durch die Brust des Kriegers. Die Rüstung zerfiel in silberne Fäden. Für einen Herzschlag blieb die Waffe allein über ihnen sichtbar, dann verlor auch sie ihre Form. Kalter Nebel schlug gegen die Wände und floss zu Boden. Alfina sank auf die Stufen, und aus der Lampe stieg wieder eine gelbe Flamme empor.

Der Eid besteht noch

Unter dem Sarkophag sammelte sich bereits neues Licht.

»Er kommt zurück«, sagte Leila.

Alfina nickte. »Seine Gestalt ist gebrochen. Der Eid nicht.«

»Wie lange haben wir?«, fragte Freddy.

»Ich weiß es nicht.«

Er nahm die Lampe. »Dann suchen wir, als wüssten wir es.«

◆

Aelvar lag in einem Gewand, dessen Rand beim ersten Luftzug zerfiel. Seine Hände waren leer. Neben der Schulter ruhte eine schmale metallene Röhre mit dem Siegel des siebenstrahligen Sterns. Der Wanderer hob sie heraus, ohne den Reif auf der Stirn des Toten oder das Schwert an dessen Seite zu berühren. Danach schoben sie den Deckel zurück, so weit es die abgesplitterte Kante zuließ. Freddy blieb einen Augenblick vor dem geschlossenen Grab stehen. Was immer sie sich von diesem Fund versprachen, es machte die Verstörung des Toten nicht ungeschehen.

Milo hatte inzwischen die nächstgelegenen Truhen untersucht. Eine enthielt so viele Goldmünzen, dass Freddy bei ihrem Anblick die schmerzende Brust vergaß. Daneben lagen Schmuckstücke von einer Feinheit, wie er sie selbst an den Höfen Valanors selten gesehen hatte. Ihr Wert hätte ausgereicht, die Scharlachrote Leibgarde über lange Zeit zu versorgen. Freddy dachte an Mehl, Waffen, Stiefel und Verbandszeug. Milo dachte bereits weiter.

»Wir brauchen zwei Stangen«, sagte er. »Eine Truhe dazwischen, vier Träger. Die schweren Sachen unten, damit sie nicht verrutschen.«

Leila betrachtete Ulriks unsicheren Stand und Alfinas bleiches Gesicht. »Und wenn die Wargs kommen?«

»Dann tragen wir schneller.«

»Milo.«

Er sah sie an, dann die Truhe. »Eine kleinere vielleicht.«

Freddy blickte auf das hölzerne Kästchen aus dem Trolllager. Es war ein beklagenswert bescheidenes Gefäß angesichts dessen, was vor ihnen lag. Dennoch kannte er den schmalen Zugang, ihre erschöpften Gefährten und die Wege, die sie noch vor sich hatten.

»Diese«, sagte er schließlich. »Alles muss da hineinpassen. Und ich muss es tragen können.«

Milo sah auf das Kästchen. »Das ist keine Truhe. Das ist eine Enttäuschung mit Deckel.«

»Dann wählen wir sorgfältig.«

Sie begannen mit einer Hast, die Freddy beinahe körperlich schmerzte. Die zweiundachtzig Münzen blieben; dazu kamen schmale Goldketten, lose Edelsteine und zwei Ringe. Milo hob einen reich verzierten Pokal hoch.

»Der ist kaum größer als dein Becher.«

»Er wiegt so viel wie mein Kopf«, sagte Freddy.

»Dein Kopf ist auch ungewöhnlich—«

»Stell ihn zurück.«

Alfina nahm ein Amulett aus dunklem Silber an sich. Unter ihren Fingern erwachte ein schwacher Schimmer, doch sie hatte weder die Kraft noch die Zeit, seine Wirkung zu untersuchen. Es verschwand zwischen den Tüchern, mit denen Milo den Schmuck gegen Klappern sicherte. Große Gefäße und Barren blieben zurück. Freddy tauschte eine schwere Schließe gegen drei kleine Steine aus und erklärte, dass er den Wert künftig grundsätzlich in getragenen Meilen bemessen werde.

Eine Enttäuschung mit Deckel

Der Wanderer beobachtete sie schweigend.

»Die Leibgarde braucht Sold«, sagte Freddy. »Und Vorräte.«

»Ich weiß.«

»Ein paar schöne Dinge helfen uns, beides zu bezahlen.«

Der Elf nickte. »Dann sorg dafür, dass sie Valengard erreichen.«

An der hinteren Wand zeichnete sich ein Umriss ab. Erst war es kaum mehr als ein Schatten im Nebel, dann wurden eine Schulter und der Rand eines Helms sichtbar. Freddy schloss den Deckel. Gemeinsam verließen sie die Kammer, und Ulrik zog die Steintür in ihre Fassung. Ein dumpfer Schlag erklang von der anderen Seite, kurz bevor der Spalt verschwand.

Am Becken der Quelle brachen sie das Siegel der Röhre. Darin lag ein dünnes, helles Blatt, geschmeidiger als Pergament und mit silbernen Linien bedeckt. Es zeigte Gebirge, Flüsse und Sternbilder, doch die Anordnung ließ sich mit keiner ihrer Karten vergleichen. Vier Zeichen markierten vier Orte. Zwei erkannten sie sofort: das Siegel des toten Königs und Bothilds Zeichen. Neben dem dritten war ein Kronenstück abgebildet.

Alfina entzifferte die Schrift darunter nur mit Mühe. »Wo der erste Morgen keinen Schatten wirft, zähle die Stufen des Flusses gegen seinen Lauf. Unter dem Auge, das der Winter schließt, ruht die dritte Hand.«

Sie las die Zeilen noch einmal. Freddy wartete höflich, bis deutlich wurde, dass keine Erklärung folgte.

»Und wo ist das?«

»Wenn ich das wüsste, wäre es kein Rätsel.«

»Es könnte trotzdem eines bleiben. Nur ein erledigtes.«

Der Wanderer deutete auf die Flusslinie. Der Name sagte ihm nichts, und selbst wenn sie einen heutigen Namen dafür fanden, konnte sich der Lauf seit der Entstehung der Karte verändert haben. Das Auge mochte ein See sein, eine Höhle oder eines der Sternbilder am Rand.

Milo beugte sich vor. »Gibt es wenigstens einen Pfeil, der nach Norden zeigt?«

»Drei«, sagte Alfina. »Wenn man diese Zeichen so lesen will.«

»Das ist großzügig.«

Freddy betrachtete das Blatt. Eine Richtung ergab sich daraus nicht. Dennoch besaßen sie nun eine Karte aus der Zeit der ersten Hüter, mit zwei überprüfbaren Orten und einem dritten, den sie noch verstehen mussten.

»Wir gehen weiter zum Spiegelsee«, entschied er. »Bis wir wissen, wohin Aelvar uns schicken wollte.«

Leila hob die Augenbrauen. »Also doch zum Stern.«

»Wir haben einen Geist bekämpft, damit wir denselben Weg gehen wie vorher. Ich möchte wenigstens behaupten dürfen, dass es jetzt besser begründet ist.«

Die Karte der vier Wege

Sie gönnten sich nur eine kurze Rast. Leila verband Ulriks Brust und den Arm des Wanderers, obwohl die Kälte keine gewöhnlichen Wunden hinterlassen hatte. Milo verteilte die letzten Reste ihrer Vorräte. Freddy hob die Truhe probeweise an, stellte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder ab und nahm zwei Armreifen heraus. Milo beobachtete ihn.

»Zu schwer?«

»Ich lasse etwas für die Nachwelt.«

»Sehr edel.«

Aus Lederriemen fertigten sie eine Tragevorrichtung. Die Kartenröhre lag zuoberst unter dem Deckel, in trockenes Tuch gewickelt. Vor dem Aufbruch füllte Freddy den silbernen Probierbecher noch einmal. Der Wanderer blieb kurz vor der Statue stehen, dann folgte er den anderen. In der großen Halle glitt sein Blick zur Harfe. Er bewegte die Lippen, als wolle er sich möglichst viel von dem Lied einprägen. Gerade als Freddy überlegte, ihm noch einen Augenblick zu lassen, drang ein Hornstoß durch die Treppe herab.

◆

Leila erreichte das Trolllager zuerst. Sie schob sich unter dem Fell hervor und kroch bis zum eingestürzten Wehrgang. Als sie zurückkam, genügte ihr Gesichtsausdruck, um die anderen schneller gehen zu lassen.

»Wie viele?«, fragte Freddy.

»Zu viele, um noch einmal um Einlass zu bitten.«

Er folgte ihr nach oben. Das letzte Licht lag auf den Kadavern und Wagenwracks. Am südlichen Waldrand bewegten sich dunkle Reihen zwischen den Bäumen, und über ihnen blinkten Speerspitzen. Wargreiter liefen weit auseinandergezogen vor den Fußtruppen her, während weitere Krieger noch unter den Bäumen verborgen blieben. Es waren viele Dutzend. Ein berittener Anführer gab kurze Zeichen und teilte die vordersten Gruppen. Die Orks stürmten nicht auf die Ruine zu; sie besetzten zuerst die Wege und begannen, sich um den Hügel zu legen.

»Der Reiter hat sich beeilt«, sagte Ulrik.

Leila zeigte nach Norden. »Dort kommen wir noch durch.«

Freddy nickte, doch der Wanderer stand vor dem schmalen Eingang zum Palast. Er hatte das Fell beiseitegezogen und blickte in die Dunkelheit.

»Sie werden ihn finden«, sagte er.

Niemand musste fragen, was er meinte. Die Orks waren klein genug, um durch den Zugang zu gehen. Die Felle mochten sie aufhalten, doch sie würden ein Versteck, in dem sechs Gesuchte verschwunden waren, nicht ungeprüft lassen. Aelvars Geist bewachte das Grab. Er würde nicht verhindern, dass die übrigen Hallen ausgeraubt wurden.

Alfina trat an den Türrahmen. Schon beim Abstieg waren ihr die schrägen Risse im Gewölbe aufgefallen. Der Zugang führte durch eine natürliche Felsspalte, deren Seiten von zwei alten Pfeilern auseinandergehalten wurden. Darüber lasteten die östliche Turmwand und ein Teil des Hanges.

»Wir können die Stützen lösen«, sagte sie. »Aber dann fällt nicht nur die Treppe. Der Fels wird nachrutschen.«

»Können die Orks ihn freilegen?«, fragte Freddy.

»Nicht wie einen verschütteten Keller. Die ganze Spalte wird sich schließen.«

Der Wanderer hörte zu, ohne den Blick abzuwenden. Freddy ahnte, was er vor sich sah: die Hallen, die Namen an den Wänden und die vollständigen Strophen eines Liedes, von dem seinem Volk nur ein Rest geblieben war. Nach dem Krieg hätte man zurückkehren können. Man hätte Gelehrte herbringen und den Toten ihre Namen zurückgeben können. Nun blieb kaum Zeit, sich überhaupt zu entscheiden.

»Dann kommen auch wir nicht wieder hinein«, sagte Freddy.

»Nein«, erwiderte der Elf.

Milo sah zur Truhe und danach zum Eingang. Diesmal sagte er nichts.

Von draußen ertönte ein Ruf. Leila meldete, dass die ersten Reiter den Fuß des Hügels erreicht hatten. Der Wanderer legte eine Hand auf den alten Türrahmen und sprach einen kurzen Satz in seiner Sprache. Danach trat er zurück.

»Tut es.«

Ulrik nahm die beschädigte Axt vom Rücken und schlug gegen den gerissenen Pfeiler. Beim zweiten Hieb löste sich eine flache Schuppe aus dem Stein. Alfina legte die Hände an die Fuge; weißes Licht drang unter ihre Finger, und aus dem Gewölbe kam ein leises Knirschen. Milo schob das Ende einer verkohlten Deichsel in den Spalt. Freddy legte die Truhe ab und half ihm, das Holz als Hebel zu bewegen. Staub rieselte auf ihre Schultern, während Leila oben zwischen Mauer und Hof wechselte.

»Noch ein Schlag«, sagte Alfina.

Ulrik holte aus. Der Pfeiler verschob sich kaum um eine Handbreit, doch die Wirkung setzte sich tief in den Fels fort. Ein Zittern lief durch den Boden.

»Zurück!«

Milo zog Alfina mit sich. Freddy griff nach der Truhe, und Ulrik packte den Wanderer an der Schulter, gerade als sich der erste schwere Block aus dem Türbogen löste. Dann kam der Berg in Bewegung. Ein tiefes Dröhnen füllte den Keller, die Treppe verschwand unter fallendem Stein, und ein Riss lief quer durch den Boden des Trolllagers. Die östliche Wand neigte sich.

Die Gefährten hasteten durch den breiten Ausgang in den Hof, als hinter ihnen der Rest des Turms in seine Fundamente sank. Staub schoss zwischen den Mauern hervor und rollte über die Lichtung. Sie hörten Orks rufen und Wargs heulen, doch der Lärm ging im Bersten des Mauerwerks unter. Zwischen den einstürzenden Mauern drängte Fels nach, zermahlte die Stützen und begrub den Eingang unter dem Gewicht des Hügels.

Als das Dröhnen nachließ, blieb eine abgesunkene Fläche aus großen Steinen und geborstenen Wurzeln zurück. Kein Türrahmen ragte daraus hervor, keine Treppenstufe, keine Silberlinie. Der Wanderer stand reglos vor dem Schutt, bis Freddy ihn am unverletzten Arm berührte.

Der Hochsitz wird versiegelt

»Komm.«

Der Elf nickte. Sie hatten keine Zeit für einen Abschied, der dem Ort gerecht geworden wäre.

◆

Die Staubwolke verdeckte ihren Abstieg, doch sie würde die Orks nicht lange aufhalten. Am nördlichen Rand der Lichtung bewegten sich bereits zwei Wargreiter zwischen den Wagen. Weiter südlich sammelten sich Fußtruppen unter scharfen Befehlen. Der Wanderer führte seine Gefährten hinter eine niedrige Mauer und erklärte Leila, wie sie den Wasserlauf unter den Erlen erreichen konnte. Sie sollten zunächst im Bachbett gehen, später auf den flachen Steinen weiter nördlich.

»Und du?«, fragte Freddy.

Der Elf nahm einen Pfeil aus dem Köcher. »Sie haben mich heute gesehen. Sie werden mich wiedererkennen.«

»Du willst allein—«

»Ich will, dass sie nach Osten reiten.«

Freddy sah auf den verletzten Arm des Wanderers. »Du schuldest mir noch die übrigen Strophen.«

Für einen Augenblick lag etwas wie ein Lächeln im Gesicht des Elfen. »Dann hör später besser zu.«

Leila legte ihm kurz die Hand auf den Arm. Danach ließ sie ihn gehen.

Wenig später erschien der Wanderer auf der östlichen Mauer, deutlich sichtbar vor dem hellen Staub. Sein Pfeil schlug in den Schild eines orkischen Anführers. Noch während dessen Männer sich umwandten, sprang er hinunter und lief zwischen den Wagen hindurch. Er erreichte den Wald so, dass die Reiter seine Richtung genau erkennen konnten. Die beiden Wargs im Norden wurden herumgerissen und setzten ihm nach; eine Gruppe Fußsoldaten löste sich aus den übrigen Reihen und folgte. Leila wartete, bis die Tiere unter den Bäumen verschwunden waren, dann führte sie die Gefährten zum Bach.

Der Wanderer zieht die Verfolger fort

Freddy kam langsamer voran, als er gehofft hatte. Die Truhe saß fest, doch bei jedem Sprung drückte ihr Rand gegen die Rippen. Einmal blieb er zwischen zwei Ästen hängen und musste sich mit Milos Hilfe rückwärts befreien.

»Du kannst sie abwerfen«, flüsterte Leila.

»Ich kann vieles«, keuchte Freddy. »Wir müssen nicht alles ausprobieren.«

Im Bach sank er bis zu den Knien in den Schlamm. Ulrik zog ihn auf einen flachen Stein und ging danach hinter ihm weiter. Unter den Erlen war es bereits dunkel. Das Wasser schluckte einen Teil ihrer Geräusche, während hinter ihnen die Hornrufe allmählich nach Osten wanderten. Freddy verlor bald jedes Gefühl dafür, wie weit sie gekommen waren. Er achtete nur noch auf Leilas Gestalt vor ihm und auf die Stellen, an denen ihr Fuß sicheren Halt fand.

Erst in der Nacht erlaubte sie eine Pause. Unter den Wurzeln einer umgestürzten Buche ließ Alfina sich gegen den Stamm sinken. Milo lockerte Freddys Riemen, damit er tief atmen konnte. Niemand machte Feuer. Sie warteten mit den Waffen in Reichweite und lauschten auf jedes Geräusch. Einmal hörten sie in großer Entfernung Wargs, einmal ließ ein knackender Ast sie alle auffahren. Doch nur ein Fuchs huschte durch das Unterholz.

Die Zeit verging ohne Nachricht. Freddy dachte an den Wanderer zwischen den Verfolgern und an Aelvar bei seinem Grab. Der Vergleich gefiel ihm nicht. Als er sich schließlich erhob, hob Leila den Kopf.

»Noch nicht.«

»Wir können ihn nicht einfach—«

Drei leise Töne erklangen zwischen den Bäumen. Leila antwortete, und kurz darauf trat der Wanderer aus der Dunkelheit. Sein Mantel war aufgerissen, Schlamm reichte ihm bis zur Hüfte, und im Köcher steckten nur noch wenige Pfeile. Er blieb kurz stehen, als wolle er sich vergewissern, dass alle fünf da waren.

Milo rückte zur Seite. »Wir haben dir einen Platz freigehalten.«

»Und Abendessen?«

»Vorwiegend einen Platz.«

Der Elf setzte sich. Freddy reichte ihm den silbernen Becher mit dem letzten Wasser aus der Quelle und wartete, bis er getrunken hatte.

»Folgen sie dir?«

»Nicht hierher.«

Später berichtete der Wanderer von einem steinigen Bachbett und einer Schlucht, über der ein gefallener Baum gelegen hatte. Die Wargs waren ihm lange genug gefolgt, um die Verfolger weit nach Osten zu ziehen. Mala-Luks Männer würden weitersuchen, doch zunächst mussten sie seine Fährte wiederfinden. Für diese Nacht genügte das.

Bis zur Morgendämmerung ruhten sie abwechselnd. Als das erste fahle Licht zwischen den Stämmen erschien, nahm Alfina noch einmal die Karte hervor. Die vier Zeichen waren deutlich, und das Rätsel gab ebenso wenig von sich preis wie zuvor.

»Hat sich etwas geklärt?«, fragte Freddy.

»Ja. Wer diese Karte angefertigt hat, wollte es seinen Lesern schwer machen.«

»Dann haben wir wenigstens bewiesen, dass sie noch funktioniert.«

Alfina rollte das Blatt zusammen und legte die Röhre unter den Deckel der Truhe. Im Norden lagen die Wälder von Hormus, dahinter der Spiegelsee und die Berge, über denen das fremde Leuchten stand. Dorthin würden sie weiterziehen, bis die alten Namen und Linien ihnen einen anderen Weg eröffneten.

Milo half Freddy, die Riemen festzuziehen. Dabei bemerkte er mit einem letzten Anflug von Bedauern, dass unter dem eingestürzten Turm noch immer sehr viel Gold liege.

»Erinnere mich daran, wenn ich mich über das Gewicht beklage«, sagte Freddy.

»Das kann bald sein.«

»Dann behalte es gut im Gedächtnis.«

Der Wanderer stand etwas abseits und sah nach Süden. Von der Feste war zwischen den Bäumen nichts mehr zu erkennen. Freddy trat zu ihm und wartete eine Weile, bevor er nach der ersten Zeile des Liedes fragte. Der Elf übersetzte sie langsam.

»Trag mir den Morgen über die Schwelle.«

Freddy wiederholte die Worte. Der Wanderer verbesserte seine Betonung, und beim zweiten Versuch nickte er.

»So?«, fragte Freddy.

»So.«

Als sie sich den anderen anschlossen, nahm der Himmel bereits Farbe an. Hinter den nördlichen Höhen stieg der silberne Faden des gefallenen Sterns empor, kaum sichtbar gegen das wachsende Licht. Die sechs Gefährten folgten ihm durch den erwachenden Wald. Freddy trug die kleine Truhe mit dem Gold und der noch unentschlüsselten Karte auf dem Rücken. Neben ihm ging der Wanderer, und nach einer Weile begann er leise die Melodie zu summen.

Diesmal sang er über die vertraute Strophe hinaus.

Freddy hörte aufmerksam zu.

Über die vertraute Strophe hinaus

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